Motivation, Hoffnung und totale Verunsicherung

Auf das Assessment war ich wirklich gespannt. Bei der Infoveranstaltung hat es mir wirklich sehr gut gefallen, aber ich war skeptisch, ob wirklich so viel gemacht wird, wie dort gesagt wurde. Wenn ich ehrlich bin konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Ich hoffte aber, dass ich zumindest für mich einige Fragen würde klären können. Ich war wirklich dankbar diese Möglichkeit zu haben. Wenn ich ehrlich bin war ich mir überhaupt nicht sicher, ob ich fit genug für einen beruflichen Neuanfang bin. Von der einen Seite her schrie natürlich wie immer die „reiß dich zusammen“-Stimme. Und wenn es nach ihr ginge könnte ich natürlich schon morgen jeden Job in der Pflege annehmen. Auf der anderen Seite traute ich mir eigentlich überhaupt nichts mehr zu. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Ich habe mir fest vorgenommen im Assessment mir und den anderen gegenüber ehrlich zu sein. Mich zu zeigen, wie ich bin und zu meinen Schwächen zu stehen. Ich übe jetzt aber schon mindestens zwanzig Jahre mich zu verstellen und so zu wirken, wie ich es für „normal“ halte. Da kann ich oft selbst gar nicht mehr unterscheiden wie ich wirklich bin. Und zu allem Überfluss brüllt dann auch noch dauernd die „reiß dich zusammen“-Stimme dazwischen.

Die erste Woche war super. Es war schön mal wieder rauszukommen. In der Gruppe habe ich mich sehr wohl gefühlt. Ich mag es immer mal über ganz andere Dinge zu sprechen und Geschichten von anderen zu hören. Es war ähnlich, wie in der Tagesklinik. Ich war total motiviert und hoffnungsvoll.

Das erste Stimmungstief hatte ich glaube ich in der zweiten Woche. Wir haben in der ersten Woche einen Test über die aktuelle Stimmung gemacht und nun das Ergebnis besprochen. Und da ich mir ja vorgenommen hatte ehrlich zu sein, habe ich alles so angegeben, wie ich mich fühlte. Ich war überrascht, dass die Mitarbeiterin, mit der ich das Ergebnis besprochen habe, so überrascht war, dass es mir so schlecht geht. Erstmal, weil ich dachte, dass ich ja sonst gar nicht da wäre und weil es mir auch eigentlich viel besser ging als vorher. Aber im Vergleich zu Anderen wohl auch doch nicht so toll. Sie hat mich dann gefragt, ob ich mich für stabil halte. Und wenn ich ehrlich bin kann ich das nicht mit ja beantworten. Aber ich war glaube ich noch nie stabil. Und weiß auch nicht, wie meine Prognose ist und auf was ich da warten soll. Dieses Gespräch hat mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt, bzw. mich verunsichert. Auch bei der fachpraktischen Erprobung habe ich gemerkt, dass ich kein Gefühl für meine eigenen Grenzen habe. Wenn mir gesagt wird, dass ich eine Aufgabe erledigen soll, dann erledige ich sie. Auf mich selbst kann ich dabei kaum achten. Und gegen Widerstände durchsetzen könnte ich meine Grenzen auf keinen Fall.

Der absolute Tiefpunkt kam dann nach dem Gespräch mit der Psychologin. Sie gab mir die Aufgabe mal darüber nachzudenken, was ich im Alter von 0-10 geschafft habe. Geschafft, nicht geleistet. Mir viel im Gespräch nichts ein. Sie meinte ich soll mal darüber nachdenken, da es eine gute Übung ist, um von dem Leistungsgedanken wegzukommen. Am Wochenende habe ich das mal versucht. Aber wenn ich zurück gedacht habe, dann habe ich nur Selbsthass gefühlt. So stark, dass ich es kaum aushalten konnte. Ich bat die Psychologin in der nächsten Woche erneut um ein Gespräch und erzählte ihr von meinen Gefühlen. Sie meinte, dass zur Zeit gerade nicht der richtige Moment ist, das was da raus möchte zu bearbeiten. Aber dass ich noch mindestens einen Zwischenschritt brauche, bevor ich mich um eine neue Arbeitsstelle bemühe. Wir besprachen, dass eine medizinisch-berufliche Reha für mich genau das Richtige ist. Über diese Reha werde ich auf jeden Fall noch einmal separat schreiben. Das ist wirklich ein gutes Angebot und fühlt sich für mich richtig an.

Ich habe alle alten Gefühle dann erstmal weggeschoben und habe versucht mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Ich habe mir alle Gedanken in ein Notizbuch geschrieben, um in der ambulanten Therapie darüber sprechen zu können. Ich habe versucht, mir vorzustellen, dass ich genau so, wie ich das Buch zumache und in den Schrank stelle, auch meine Gefühle wegstellen kann.

In der vierten Woche fand dann das Gespräch mit meiner Rehaberaterin statt. Sie fand auch, dass die medizisch-berufliche Rehabilitation eine gute Lösung für mich ist. Nur kann sie dies nicht genehmigen. Der Träger des medizinischen Teils der Rehabilitation ist nämlich die Rentenversicherung oder die Krankenkasse. Ich musste also als nächstes erst einmal wieder einen Antrag stellen. Davon erzähle ich dann aber beim nächsten Mal. Schnell und einfach ging das nämlich auch nicht.

 

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