Ich und die Anderen

Guten Morgen ihr Lieben,

letzte Woche hat es wirklich mal wieder geklappt, dass ich so gearbeitet habe, wie es anfangs besprochen war. Und das war dann wirklich etwas ganz anderes. Auch die Arbeit an sich war dann viel angenehmer. Das kann natürlich auch daran liegen, dass im Moment weniger Leute krank sind und es allgemein entspannter ist. Das macht sich wirklich bemerkbar. Mein Psychologe ist gerade im Urlaub und auch meine bewilligten Therapiestunden sind fast aufgebraucht. Eine Verlängerung bei der Krankenkasse ist beantragt, aber das kann erfahrungsgemäß wohl ein paar Wochen dauern. Der Psychologe meinte, dass er es bis jetzt noch nicht erlebt hat, dass eine Verlängerung nicht bewilligt wurde. Ich hoffe mal, dass ich nicht die Erste sein werde. Jetzt gerade aufzuhören kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Es ist zwar im Moment Ruhe mit meiner Herkunftsfamilie, aber ich habe ja gemerkt, wie wenig ich damit umgehen kann, wenn ich mit dem Problem konfrontiert werde. Und ich habe ja keine Garantie, dass das niemals wieder passiert. Mein Psychiater meinte, dass das erste Jahr nach einem Kontaktabbruch das schwierigste ist und es danach immer leichter wird. Ich hoffe mal, dass das wirklich so ist. Das erste Jahr ist dann im September erreicht. Aber auch an vielen Dingen in meinem Alltag muss ich noch arbeiten und ohne therapeutische Begleitung kann ich mir nicht vorstellen das zu schaffen. Ich merke immer wieder, wie schnell ich in alte Gewohnheiten zurück falle. Und oft ist es mir gar nicht bewusst. Wenn es mir gut geht fällt es mir viel leichter entspannter an alle täglichen Anforderungen heranzugehen. Ich kann dann auch mal etwas liegen lassen oder einfach nicht machen. Geht es mir nicht so gut schaffe ich das nicht. In der letzten Therapiesitzung haben wir darüber gesprochen. Meist geht es mit irgendetwas im Alltag los, dass für mich bestärkt, dass ich ein schlechterer Mensch bin, als alle anderen. Und dann versuche ich das auszugleichen. Und dann können die Dinge die ich gemacht habe für mich selbst auch nie ausreichend sein. Was dann wieder meine negativen Gefühle mir selbst gegenüber verstärkt. Und so geht es dann immer weiter, bis ich irgendwann einfach nicht mehr kann. Der Psychologe hat mir gesagt, dass ich mir dann immer wieder klar machen soll, dass mein fehlendes Selbstbewusstsein überhaupt nichts mit meinen restlichen Fähigkeiten zu tun hat. Er meinte, dass es stimmt, dass ich einen viel geringeren Selbstwert habe, als fast alle anderen Menschen. Aber dass das überhaupt nichts darüber aussagt, dass ich in allem anderen auch schlechter bin. Er meinte, dass es überhaupt nichts mit meinen Fertigkeiten als Mutter, Arbeitnehmerin, Hundehalterin oder Freundin aussagt. In der Theorie verstehe ich das ja alles. Aber in den Situationen merke ich es auch einfach gar nicht. Oder ich denke, dass das ja allgemein vielleicht so stimmt und vielleicht auch auf andere Betroffene zutrifft. Ich aber wirklich alles maximal schlecht mache. Bei jemand anderem finde ich das auch überhaupt nicht schlimm. Da würde ich gar nicht weiter darüber nachdenken und würde davon ausgehen, dass er bestimmt viele andere Dinge gut kann. Und selbst wenn nicht, würde ich ihn trotzdem für einen wertvollen Menschen halten. In Bezug auf mich selbst ist das genau umgedreht. Und da glaube ich nicht, dass ich mit der Therapie schon fertig bin. Es ist wahrscheinlich ausgeschlossen, dass ich jemals ein selbstbewusster Mensch werde. Aber zumindest diesen ewigen Kreislauf würde ich gerne beenden.

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