Zum Aufgeben ist es viel zu früh

Bei meinem Entlassungsgespräch in der Tagesklinik wurde mir empfohlen mir zusätzlich zum Psychologen auch einen Psychiater zu suchen. Besonders, weil ich als nicht arbeitsfähig entlassen wurde. Der Arzt meinte, dass ein Facharzt dies besser einschätzen kann, als ein Hausarzt.

Bis kurz vor dem Aufenthalt in der Tagesklinik war ich in der Institutsambulanz des Krankenhauses meiner früheren Heimatstadt in Behandlung. Im Nachhinein kommt mir das alles dort aber ein bisschen seltsam vor. Vor über zehn Jahren hatte ich dort angerufen, weil ich von meinem Hausarzt Antidepressiva verordnet bekommen habe und darüber gerne mit einem Facharzt sprechen wollte. Ich bekam recht schnell einen Termin und es hat mir dort gut gefallen. Allerdings wurde mir nie zu einer richtigen Therapie geraten. Was ich im Nachhinein wirklich komisch finde, da es in der Tagesklinik jedem geraten wurde. Ich wusste damals gar nicht, welche Möglichkeiten es eigentlich alles gibt. Die ersten zwei Jahre, hat mir die Behandlung dort schon geholfen, aber später ist eigentlich gar nichts mehr passiert. Es war also höchste Zeit für einen Wechsel.

Als erstes machte ich einen Termin bei einem Psychiater bei mir in der Nähe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch ganz viele Fragen. Besonders, wie es beruflich weitergehen kann, da ich zu diesem Zeitpunkt noch krank geschrieben war und auch vom Arbeitsamt noch nicht viele Informationen bekommen hatte. Der Psychiater las sich vor dem Gespräch meine Arztbriefe durch und meinte dann zu mir, dass ich mir mal darüber Gedanken machen sollte, ob ich das mit dem Arbeiten überhaupt schaffe. Er meinte, dass sich alle Mühe geben und ich immer wieder gegen die Wand laufe und ich doch Hausfrau und Mutter werden soll. Er meinte noch zu mir, dass wir nicht alle Frau von der Leyen sind. Zusätzlich sollte ich noch die Dosis der Antidepressiva verdoppeln, was ich überhaupt gar nicht verstanden habe. Ich hatte ihm im Gespräch erzählt, dass ich schon mal eine höhere Dosis genommen habe und keinen Unterschied bemerkt habe. Zu diesem Zeitpunkt des Gesprächs war ich dann aber schon so verunsichert, dass ich mich nicht mehr getraut habe nachzufragen.

Mit diesem Gespräch hatte ich gedanklich noch lange zu tun und musste es erstmal verarbeiten. Ich fühlte mich wegen dem Satz, dass sich alle bemühen und ich immer wieder gegen die Wand laufe total schlecht. Ich kann aber wirklich besten Gewissens sagen, dass ich mein Bestes gebe und mich bemühe. Ich habe dann mit meinem Mann über die Hausfrauen-Idee gesprochen und wir haben hin und her gerechnet. Sind aber zu dem Ergebnis gekommen, dass wir mein Gehalt brauchen. Und irgendwie möchte ich das auch gar nicht. Nur, wenn es wirklich keine andere Möglichkeit gibt. Ich finde das ganze ist wirklich ein schwieriges Thema. Ich glaube auch, dass es einfach Zeit braucht sich um Kinder zu kümmern. Und auch die zusätzliche Arbeit im Haushalt muss erledigt werden. Es kommt mir oft so vor, dass es ja ganz einfach ist und man einfach arbeiten kann, wenn die Kinder in der Schule oder der Kita sind. Bei mir hat das aber irgendwie nie so einfach geklappt. Ich hatte noch nie Arbeitszeiten, die genau mit den Öffnungszeiten der Kita gepasst haben. Außerdem waren am Anfang kaum mal alle Kinder gleichzeitig eine Woche ohne Krankheitsausfall in der Kita. Zwischendurch war auch noch der große Streik der Erzieher. Und danach ist ja auch zu Hause noch eine Menge zu erledigen. Ich war damit wirklich oft überfordert. Aber andererseits frage ich mich auch, ob der Psychiater einem Mann in meiner Situation den gleichen Vorschlag gemacht hätte. Ich glaube nämlich nicht. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, wirtschaftlich total abhängig zu sein. Und zu alledem sind meine Kinder auch irgendwann mal groß. Nach allem Überlegen bin ich dann zu dem Schluss gekommen, dass es für mich noch nicht an der Zeit ist, die beruflichen Pläne vollkommen über Bord zu werfen. Ich habe ja erst einen einzigen Beruf ausprobiert. Vielleicht klappt ja ein anderer besser. Und es gibt ja auch Unterstützung. Bevor ich aufgebe, möchte ich zumindest alles versucht haben und das habe ich noch lange nicht. So richtig habe ich ja noch gar nicht angefangen. Auch die doppelte Dosis Medikamente habe ich nicht genommen. Ich wollte mir dazu noch mal eine andere Meinung holen. Den nächsten Termin bei diesem Psychiater habe ich abgesagt. Ich brauchte Hilfe bei beruflichen Fragen und Beratung bezüglich der Medikamente. Und bei beiden Themen hatte ich nicht den Eindruck, dass mir durch diesen Termin geholfen wurde.

Ich machte noch einem einen Termin bei einem anderen Psychiater. In der Zwischenzeit hatte sich schon durch das Arbeitsamt eine Menge geklärt. Aber bei dem neuen Psychiater fühlte ich mich wesentlich wohler und ernstgenommener. Er erzählte mir nicht seine Meinung zu mir nach Aktenlage, sondern fragte mich, wie er mir behilflich sein kann. Er fand es auch richtig, die Medikamente weiterhin in der niedrigeren Dosierung zu nehmen. Falls es mir mal schlechter geht, kann ich das ja immer noch wieder ändern. Es fällt mir zwar immer schwer einem neuen Arzt meine Geschichte zu erzählen, aber ich glaube, dass es trotzdem viel bringt zu wechseln, wenn man ein ungutes Gefühl hat.

 

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