Noch mal zurück in die Vergangenheit?

Das erste Mal das Gefühl, noch nicht bereit zu sein, in die Zukunft zu starten hatte ich im Assessment. In einem früheren Beitrag hatte ich schon mal erzählt, dass mir die Psychologin dort eine Aufgabe gegeben hat, in der ich mich an meine Kindheit im Alter von 0-10 erinnern sollte. Ich fühlte plötzlich nur noch Selbsthass und konnte dieses Gefühl überhaupt nicht aushalten.

Im Anschluss an das Assessment wollte ich dieses Thema in der ambulanten Therapie bearbeiten. Da wir nicht mehr so allzu viele Stunden von der Krankenkasse genehmigt haben, beschlossen wir vor einiger Zeit, die Termine nur noch zweiwöchentlich stattfinden zu lassen. Damals dachte ich auch, dass das vollkommen ausreichend ist, da ich nicht mehr viel zu bearbeiten habe, sondern nur noch etwas Unterstützung im Alltag brauche. Um uns diesem Thema zu widmen haben wir aber überlegt, die Termine wieder wöchentlich zu vereinbaren. In der ersten Stunde sprachen wir darüber, dass mich alles rund um meine Herkunftsfamilie immer noch extrem triggert. Dieser Termin war anstrengend aber noch ok. Beim zweiten Mal stiegen wir dann direkt ein in die Schuldgefühle und den Selbsthass, den die Frage der Psychologin bei mir ausgelöst haben. Und wieder konnte ich es kaum aushalten, so dass wir es abgebrochen haben. Hier kam das erste Mal die Frage auf, ob die ambulante Therapie der richtige Ort ist, um dieses Thema zu bearbeiten. In der folgenden Woche habe ich viel darüber nachgedacht. Mir ist klar geworden, dass die ambulante Therapie für mich dafür nicht geeignet ist. Ich kann mir nicht vorstellen, über diese Themen zu sprechen und anschließend nach Hause zu fahren und in meinem Alltag zu funktionieren. Außerdem macht es mir Angst dann mit meinen Gefühlen allein zu sein. Ich möchte dieses Thema aber unbedingt jetzt bearbeiten. Ich finde, dass es einfach der richtige Zeitpunkt ist, da ich den beruflichen Neuanfang noch nicht begonnen habe. Mein Wunsch ist, dass erst abzuschließen und mich anschließend ohne Unterbrechung auf das berufliche konzentrieren zu können.

Beim nächsten Termin erzählte ich dies meinem Psychologen und fragte ihn, ob er einen Rat hat, wo ich dieses Thema bearbeiten kann. Er sagte, dass er mir zu einer stationären Therapie raten würde. Er meinte, dass für mich eine Schematherapie, oder eine tiefenpsychologische Therapie besonders geeignet sind. Ich hätte das sehr gerne wieder in einer Tagesklink gemacht. Aber leider gibt es in meiner Nähe keine, die diese Therapieformen anbieten. Am Anfang habe ich mich total gegen den Gedanken gesträubt eine stationäre Therapie zu machen. Ich konnte mir nicht vorstellen meine Familie so lange alleine zu lassen. Dann habe ich mir überlegt, was ich meiner Freundin an meiner Stelle raten würde. Ihr würde ich sagen, dass sie die Therapie auswählen soll, von der sie ausgeht, dass sie ihr am besten hilft. In der Tagesklinik wäre sie auch acht Wochen und hätte ihr Problem vermutlich nicht gelöst. Und ich würde sagen, dass es bei jedem Menschen irgendwie gehen muss. Wenn jemand einen Unfall hat, muss er schließlich auch ins Krankenhaus. Und es findet sich immer eine Lösung. Egal in welcher Lebenssituation er sich befindet. Daher habe ich mich im Internet auf die Suche begeben und in meiner Nähe eine Klinik gefunden, die beides anbietet. Dort habe ich ein Termin für ein Kennenlerngespräch vereinbart. Leider dauert es ein paar Wochen, da die Feiertage dazwischen liegen.

Meine Sorge war auch noch, ob es ein Problem mit der Reha ist, wenn ich eine stationäre Therapie mache. Auch wenn ich vorher noch das andere erledigen möchte, möchte ich die medizinisch-berufliche Reha unbedingt machen, da ich immer noch davon überzeugt bin, dass sie genau das Angebot ist, dass ich brauche. Ich habe also noch mal dort angerufen und mit der Leiterin gesprochen. Sie hat mich beruhigt und sagte, dass die Kostenzusage 6 Monate gültig ist. Ich habe also bis zum 6.6. Zeit dort anzufangen. Falls ich vorher im Krankenhaus bin, können wir den Beginn der Reha einfach auf einen Termin nach der Entlassung verschieben. Ich habe bei meinem Anruf in der Klinik gar nicht daran gedacht zu fragen, wie lange die Wartezeit ist. Aber ich denke mal, dass ich das auch bei dem Kennenlern-Termin erfahre. Es fällt mir immer schwer abzuwarten, wenn die Situation nicht geklärt ist. Aber ich glaube auch, dass dies eine gute Übung für mich ist.

swRegenbogen ist jetzt bei Facebook

Heute mal ein Beitrag zwischendurch. Ich habe letzte Woche eine Facebook-Seite für SchwarzWeißRegenbogen erstellt und ihr könnt mich jetzt dort finden. Ich habe schon lange darüber nachgedacht, ob ich das machen soll oder nicht. Meinen persönlichen Facebook-Account nutze ich schon bestimmt seit zwei Jahren nicht mehr. Ich hatte schon vor dem Kontaktabbruch mit meiner Herkunftsfamilie viel über meine Nutzung von sozialen Medien nachgedacht. Ich hatte einfach das Gefühl zu viel Zeit damit zu verbringen. Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich immer wieder dort hängengeblieben bin und mir ansehe, was Menschen, die ich seit mindestens 10 Jahren nicht mehr gesehen habe zum Mittag essen. Nichts gegen diese Menschen. Aber ich hatte in dieser Zeit immer das Gefühl, dass ich zu wenig Zeit habe. Da habe ich mir gedacht, dass es sinnvoller ist meine Zeit den Menschen zu widmen, mit denen ich aktuell wirklich im Kontakt bin. Dann kam noch dazu, dass ich nach dem Konflikt mit meiner Herkunftsfamilie immer Angst hatte Facebook zu nutzen, da ich Angst hatte, dass sie mich auf diesem Kanal erreichen könnten.

Jetzt war ich mir lange nicht sicher, ob ich Facebook wirklich nutzen soll oder nicht. Ich bin aber zu dem Schluss gekommen es zu wagen, da ich finde, dass es eine super Möglichkeit ist mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ich sonst nicht erreichen würde. Und auch um sich über bestimmte Themen zu vernetzen. Mir macht es wirklich viel Spaß zu schreiben. Ich freue mich aber auch, wenn andere Menschen meinen Blog lesen und ich vielleicht jemandem anderen Mut machen kann. Und meiner Meinung nach ist Facebook dafür sehr gut geeignet. Ich würde mich freuen, euch mal auf meiner Seite fb.me/swregenbogen begrüßen zu dürfen.

Endlich mal wieder Anträge

Heute möchte ich unbedingt auf das Thema medizinisch-berufliche Rehabilitation zurückkommen. Ich finde, dass das wirklich ein super Angebot ist, von dem ich vor dem Assessment noch nie etwas gehört hatte und ich mir auch gar nicht vorstellen konnte, dass es so etwas gibt.

Die medizinisch-berufliche Reha ist ein Angebot speziell für psychisch kranke Menschen. Sie gliedert sich in zwei Teile. In den medizinischen und den beruflichen Teil. Beide dauern in der Regel ungefähr neun Monate. Können aber jeweils auf bis zu ein Jahr verlängert werden. Der medizinische Teil wird von der Rentenversicherung bezahlt. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass man mindestens 5 Jahre dort versichert ist. Sonst ist die Krankenkasse der Kostenträger. Der berufliche Teil wird entweder auch von der Rentenversicherung, oder von der Arbeitsagentur bezahlt.

In meiner Umgebung gibt es zwei Anbieter, die diese spezielle Form der Rehabilitation anbieten. Bei Beiden unterscheidet sich der Ablauf. Ich habe mir daher auch Beide angesehen. Bei dem Anbieter den ich mir als erstes angesehen habe, findet die Rehabilitation das erste halbe Jahr vor Ort statt. In den erstes drei Monaten hat man zum größten Teil Ergotherapie in verschiedenen Bereichen. Außerdem Gruppenangebote zu verschiedenen Themen und Gespräche mit dem Mentor. Anschließend führt man Praktika durch, die aber auch vor Ort angeboten werden. Man hat die Möglichkeit im Bereich Büro, Tischlerei, Gärtnerei oder Hauswirtschaft zu arbeiten. Begleitend gibt es weiterhin Gruppenangebote und Gespräche mit dem Mentor. Erst nach einem halben Jahr absolviert man ein Praktikum in einem externen Betrieb. Zusätzlich ist man einmal in der Woche in der Rehaeinrichtung für Gruppenangebote. Zu dieser Zeit trifft man auch den Mentor. Dieser besucht den Teilnehmer aber auch am Praktikumsplatz. Im beruflichen Teil der Rehabilitation führt man weiterhin Praktika durch, die jeweils ungefähr drei Monate dauern. Auch hierbei wird man von seinem Mentor begleitet.

Beim zweiten Anbieter läuft es so ab, dass man sich gleich in den ersten Tagen der Rehabilitation, mit Unterstützung eines Mitarbeiters, einen externen Praktikumsplatz sucht. Die Gruppenangebote finden dann im Anschluss an das Praktikum am Nachmittag statt. Die Arbeitszeit soll im Laufe der Rehabilitation von 4 Stunden auf 8 Stunden täglich erhöht werden.

Ich hatte bei der Infoveranstaltung beim ersten Anbieter sofort ein sehr gutes Gefühl. Die Atmosphäre ist dort sehr nett. Außerdem gefällt mir der Gedanke die ersten 6 Monate dort zu sein. Ich möchte gerne verschiedene Tätigkeiten in einer geschützten Umgebung ausprobieren, um rauszufinden was mir wirklich liegt und nicht, wobei ich am wenigsten Angst habe. Auch die Psychologin im Assessment hat mir zu diesem Anbieter geraten, da ich noch einige andere Baustellen zu bearbeiten habe und der Raum geschützter ist und ich mehr Kontakt zu den Mitarbeitern dort habe.

Ungefähr zwei Wochen nach dem Assessment war ich dann dort zu einem Vorstellungsgespräch. Es ging darum welche Ziele ich erreichen möchte und ob die Rehabilitation dafür die richtige Maßnahme ist. Die Psychologin sagte mir, dass dies sehr gut passt und die Einrichtung hat mit mir gemeinsam den Antrag bei der Rentenversicherung gestellt. Jetzt musste ich erstmal wieder warten. Einige Wochen später erhielt ich eine Zusage für eine Rehabilitation von der Rentenversicherung. Aber nicht für eine medizinisch-berufliche Reha, sondern für eine medizinische Reha in der psychosomatischen Abteilung eines Gesundheitszentrums. Den Brief habe ich an einem Freitagmittag erhalten. Das Wochenende musste ich also erstmal abwarten. Ich rief direkt am Montagmorgen den Anbieter der medizinisch-beruflichen Reha an, um zu fragen, ob sie das Vorgehen kennen und ob sie einen Tipp haben, wie ich jetzt weiter vorgehen soll. Sie sagten mir, dass ich erstmal bei der Rentenversicherung anrufen soll, um nachzufragen. Es kann ja sein, dass es sich nur um eine Verwechslung handelt. Als nächste rief ich also bei der auf dem Schreiben angegebenen Telefonnummer an. Der Mitarbeiter sagte mir nur, dass das so richtig sei. Ich sagte daraufhin, dass ich aber gar keine psychosomatische Erkrankung habe. Er antwortete darauf, dass die Gutachter der Versicherung die Diagnosen entsprechend der Arztbriefe stellen und das schon so richtig ist. In dem Moment ist mir nichts mehr eingefallen, was ich darauf noch erwidern konnte. Da ich jetzt nicht mehr weiterwusste, habe ich erneut bei meinem bevorzugten Rehaanbieter angerufen. Dort sagten sie mir, dass sie in der Teambesprechung schon über meinen Fall gesprochen haben und sich die Leitung bei mir melden wird. Ich war wirklich begeistert, dass sie mich so unterstützen, obwohl ich ja die Reha dort noch nicht einmal begonnen hatte. Kurz darauf rief mich die Leitung auch zurück und wir vereinbarten einen Termin für den nächsten Tag. Dort haben wir gemeinsam einen Widerspruch geschrieben. Ich bin wirklich dankbar für die Hilfe, die ich jetzt schon dort bekommen. Letzte Woche hatte ich endlich die Zusage im Briefkasten. Wann genau es jetzt los geht, weiß ich aber immer noch nicht. Vielleicht muss ich vorher noch einen zusätzlichen Schritt machen. Was und warum schreibe ich aber später. Sonst sprengt es hier komplett den Rahmen.

Wie schon einige Male zuvor habe ich hier aber auch wieder gemerkt, dass es sich lohnt dran zu bleiben. Und es gibt wirklich gute Angebote und engagierte Menschen. Man muss sie nur erstmal finden.

 

Motivation, Hoffnung und totale Verunsicherung

Auf das Assessment war ich wirklich gespannt. Bei der Infoveranstaltung hat es mir wirklich sehr gut gefallen, aber ich war skeptisch, ob wirklich so viel gemacht wird, wie dort gesagt wurde. Wenn ich ehrlich bin konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Ich hoffte aber, dass ich zumindest für mich einige Fragen würde klären können. Ich war wirklich dankbar diese Möglichkeit zu haben. Wenn ich ehrlich bin war ich mir überhaupt nicht sicher, ob ich fit genug für einen beruflichen Neuanfang bin. Von der einen Seite her schrie natürlich wie immer die „reiß dich zusammen“-Stimme. Und wenn es nach ihr ginge könnte ich natürlich schon morgen jeden Job in der Pflege annehmen. Auf der anderen Seite traute ich mir eigentlich überhaupt nichts mehr zu. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Ich habe mir fest vorgenommen im Assessment mir und den anderen gegenüber ehrlich zu sein. Mich zu zeigen, wie ich bin und zu meinen Schwächen zu stehen. Ich übe jetzt aber schon mindestens zwanzig Jahre mich zu verstellen und so zu wirken, wie ich es für „normal“ halte. Da kann ich oft selbst gar nicht mehr unterscheiden wie ich wirklich bin. Und zu allem Überfluss brüllt dann auch noch dauernd die „reiß dich zusammen“-Stimme dazwischen.

Die erste Woche war super. Es war schön mal wieder rauszukommen. In der Gruppe habe ich mich sehr wohl gefühlt. Ich mag es immer mal über ganz andere Dinge zu sprechen und Geschichten von anderen zu hören. Es war ähnlich, wie in der Tagesklinik. Ich war total motiviert und hoffnungsvoll.

Das erste Stimmungstief hatte ich glaube ich in der zweiten Woche. Wir haben in der ersten Woche einen Test über die aktuelle Stimmung gemacht und nun das Ergebnis besprochen. Und da ich mir ja vorgenommen hatte ehrlich zu sein, habe ich alles so angegeben, wie ich mich fühlte. Ich war überrascht, dass die Mitarbeiterin, mit der ich das Ergebnis besprochen habe, so überrascht war, dass es mir so schlecht geht. Erstmal, weil ich dachte, dass ich ja sonst gar nicht da wäre und weil es mir auch eigentlich viel besser ging als vorher. Aber im Vergleich zu Anderen wohl auch doch nicht so toll. Sie hat mich dann gefragt, ob ich mich für stabil halte. Und wenn ich ehrlich bin kann ich das nicht mit ja beantworten. Aber ich war glaube ich noch nie stabil. Und weiß auch nicht, wie meine Prognose ist und auf was ich da warten soll. Dieses Gespräch hat mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt, bzw. mich verunsichert. Auch bei der fachpraktischen Erprobung habe ich gemerkt, dass ich kein Gefühl für meine eigenen Grenzen habe. Wenn mir gesagt wird, dass ich eine Aufgabe erledigen soll, dann erledige ich sie. Auf mich selbst kann ich dabei kaum achten. Und gegen Widerstände durchsetzen könnte ich meine Grenzen auf keinen Fall.

Der absolute Tiefpunkt kam dann nach dem Gespräch mit der Psychologin. Sie gab mir die Aufgabe mal darüber nachzudenken, was ich im Alter von 0-10 geschafft habe. Geschafft, nicht geleistet. Mir viel im Gespräch nichts ein. Sie meinte ich soll mal darüber nachdenken, da es eine gute Übung ist, um von dem Leistungsgedanken wegzukommen. Am Wochenende habe ich das mal versucht. Aber wenn ich zurück gedacht habe, dann habe ich nur Selbsthass gefühlt. So stark, dass ich es kaum aushalten konnte. Ich bat die Psychologin in der nächsten Woche erneut um ein Gespräch und erzählte ihr von meinen Gefühlen. Sie meinte, dass zur Zeit gerade nicht der richtige Moment ist, das was da raus möchte zu bearbeiten. Aber dass ich noch mindestens einen Zwischenschritt brauche, bevor ich mich um eine neue Arbeitsstelle bemühe. Wir besprachen, dass eine medizinisch-berufliche Reha für mich genau das Richtige ist. Über diese Reha werde ich auf jeden Fall noch einmal separat schreiben. Das ist wirklich ein gutes Angebot und fühlt sich für mich richtig an.

Ich habe alle alten Gefühle dann erstmal weggeschoben und habe versucht mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Ich habe mir alle Gedanken in ein Notizbuch geschrieben, um in der ambulanten Therapie darüber sprechen zu können. Ich habe versucht, mir vorzustellen, dass ich genau so, wie ich das Buch zumache und in den Schrank stelle, auch meine Gefühle wegstellen kann.

In der vierten Woche fand dann das Gespräch mit meiner Rehaberaterin statt. Sie fand auch, dass die medizisch-berufliche Rehabilitation eine gute Lösung für mich ist. Nur kann sie dies nicht genehmigen. Der Träger des medizinischen Teils der Rehabilitation ist nämlich die Rentenversicherung oder die Krankenkasse. Ich musste also als nächstes erst einmal wieder einen Antrag stellen. Davon erzähle ich dann aber beim nächsten Mal. Schnell und einfach ging das nämlich auch nicht.

 

Individuell oder einfach nur chaotisch?

Im letzten Beitrag habe ich ja schon von dem recht langen Weg zu einem Termin bei einer Rehaberaterin erzählt. Es hat ein paar Monate gedauert, aber ich muss sagen, dass es sich gelohnt hat. Die Beraterin ist sehr nett und kompetent. Bei unserem ersten Termin habe ich erfahren, dass mein LTA-Antrag genehmigt wurde. Das heißt erstmal, dass festgestellt wurde, dass ich Unterstützung benötigen um langfristig am Arbeitsleben teilnehmen zu können. Das Gutachten wurde von einer Ärztin der Arbeitsagentur auf Grund der von mir eingereichten Arztbriefe erstellt. Darin steht, dass klar ersichtlich ist, dass ich auf Grund meiner Erkrankung Schwierigkeiten im Arbeitsleben habe und auch in Zukunft haben werde, sie aber aus den Arztbriefen nicht ersehen kann, ob ich schon wieder belastbar genug bin, um z.B. eine Umschulung zu machen. Von daher wurde mir empfohlen an einer Belastungserprobung (Assessment) teilzunehmen. Die Beraterin gab mir zwei Adressen von Anbietern mit denen die Arbeitsagentur zusammen arbeitet. Sie sagte, ich soll einfach bei Beiden mal eine Infoveranstaltung besuchen und ihr anschließend mitteilen, bei welchem Anbieter es mir am besten gefallen hat. Ich war wirklich positiv überrascht das ich diese Möglichkeit hatte. Ich dachte, dass es in der Beratung hauptsächlich darum gehen wird, mich möglichst schnell wieder in Arbeit zu bringen, aber so war es überhaupt nicht. Die Beraterin hat mir noch einmal gesagt, dass ich mir keinen Stress machen soll und auch im Assessment wirklich ehrlich zu mir selbst sein soll. Sie sagte, dass es auch nicht schlimm ist, wenn ich noch nicht fit genug bin. Sie meinte, dass wir es nur wissen müssen, um eine für mich geeignete Lösung zu finden.

Ich rief also bei beiden Assessmentanbietern an und bekam recht schnell einen Termin. Gefallen hat es mir eigentlich bei beiden wirklich gut. Und mal wieder war ich überrascht, welche Hilfsangebote es alles gibt. Das Assessment ist wirklich erst der Anfang, um herauszufinden, welches das Richtige ist. Ich habe mich dann für den Anbieter entschieden, bei dem mir der Ablauf am besten geplant erschien. Bei der Infoveranstaltung wurde gesagt, dass wir in der ersten Woche verschiedene Testungen machen. Zusätzlich haben wir ein Gespräch mit dem Psychologen, der uns im Assessment betreut. In der zweiten Woche wird dann eine fachpraktische Erprobung durchgeführt. Das heißt wir bekommen verschiedene Aufgaben und können diese innerhalb einer Woche in eigenem Tempo bearbeiten. In der dritten Woche werden dann die Ergebnisse besprochen und wir lernen die weiteren Rehabilitationsangebote kennen. In der vierten Woche finden dann die Gespräche mit den Kostenträgern statt, in denen unsere weitere Rehabilitation besprochen wird. Während der Infoveranstaltung des anderen Angebotes wurde der Ablauf nicht so genau besprochen. Es wurde immer nur gesagt, dass das immer individuell entschieden wird. Das kann natürlich einerseits gut sein, könnte aber auch bedeuten, dass kaum etwas passiert. Von daher habe ich mich für das erste Angebot entschieden, da es mir wesentlich transparenter erschien. Nach einem kurzen Telefongespräch mit meiner Rehaberaterin bekam ich auch direkt einen Platz für den nächsten Starttermin.

Um aber LTA-Leistungen in Anspruch nehmen zu können musste ich in der Zwischenzeit noch einiges andere erledigen. Zu dieser Zeit war ich ja immer noch angestellt und nur krank geschrieben. Ich wollte das auch einerseits unbedingt klären, weil mir ja klar war, dass ich nicht zu meinem alten Arbeitsplatz zurückkehren kann. Es ist mir aber total schwer gefallen. Erstmal überhaupt das Gespräch mit meiner Chefin zu führen. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen, weil mir klar war, dass ich sie enttäuschen werde. Ich habe mir immer wieder gesagt, dass es auch niemandem weiterhilft es nicht zu sagen. Das ändert ja an der Tatsache nichts, dass ich dort nicht mehr arbeiten kann. Obwohl die „du musst dich nur zusammenreißen“-Stimme in meinem Kopf laut das Gegenteil behauptete. Im Laufe dieses Jahres ist mir aber klar geworden, dass es mir schon die letzten 23 Jahre nicht geholfen hat auf diese Stimme zu hören. Aber es fühlt sich einfach so richtig an. Ich weiß ja aber auch, dass es falsch ist. Auf jeden Fall musste ich ein Gespräch mit meiner Chefin führen. Ich hatte mich vorher in der Arbeitsagentur erkundigt. Um nicht für das Arbeitslosengeld (ALG) I gesperrt zu werden muss ich auf ärztlichen Rat kündigen. Dafür brauche ich ein Attest von meinem behandelnden Arzt und muss die Kündigung auf ärztlichen Rat vorher bei der Arbeitsagentur anmelden und mich am nächsten Tag direkt dort vor Ort melden. Mir hat das Gespräch mit meiner Chefin Angst gemacht und die ungewisse Situation hinterher, da ich ja noch keinen wirklichen Alternativplan hatte. Im Nachhinein war aber beides nicht schlimm. Meine Chefin war sehr nett und verständnisvoll. Ich glaube sie war am Ende auch froh eine geklärte Situation zu haben. Mit der Ungewissheit versuche ich zurecht zu kommen, indem ich mich immer erstmal nur auf das nächste Ziel konzentriere. Und dieses hatte ich bis jetzt eigentlich immer. Zu dieser Zeit also erstmal das Assessment. Einen Plan für später kann ich ja zur Zeit noch gar nicht haben, da ich die Möglichkeiten ja noch gar nicht kenne. Daher lohnt es sich auch nicht mich damit verrückt zu machen und Energie zu verschwenden, die ich sinnvoller nutzen kann.

Das Assessment war sehr intensiv. Ich habe wirklich viel mitgenommen und viel neues gelernt. Darüber werde ich im nächsten Beitrag schreiben.

Antragsdschungel

Bevor ich in die Tagesklinik gegangen bin, dachte ich, dass ich einfach nur einen ruhigeren Job brauche. Alle meine Probleme habe ich auf den Stress bei der Arbeit zurückgeführt. Mit der Zeit wurde mir aber immer deutlicher, dass es diese Lösung nicht geben wird. Es gibt keinen Beruf, keine Branche und kein Team, in dem es keine Konflikte gibt. Das ist vollkommen unrealistisch. Dann kann ich weiterhin Jobs wechseln, aber es wird mir nicht weiterhelfen. Als erstes muss ich an mir selbst arbeiten.

Ich habe mich daran erinnert, dass mir mit ungefähr 20 klar geworden ist, dass ich mir instinktiv Männer suche, die mein negatives Selbstbild bestätigen und mich dementsprechend schlecht behandeln. Zu dieser Zeit habe ich mir vorgenommen erstmal keine Beziehung zu haben und mich darauf zu konzentrieren allein zurecht zu kommen. Das hat mir wirklich gut getan und nach ungefähr drei Jahren habe ich meinen jetzigen Mann kennen gelernt. Aber auf das  Thema Arbeit ist das nicht so einfach zu übertragen. Es wäre sehr schwierig erstmal gar nicht zu arbeiten und mich auch nicht um das Thema Arbeit zu kümmern. Irgendwie muss ich meinen Lebensunterhalt verdienen.

Nach der Tagesklinik war ich erstmal weiter krank geschrieben und habe den Tipp bekommen einen Termin beim Arbeitsamt zu vereinbaren. Dort erzählte ich von meiner Erkrankung, dass ich zur Zeit krank geschrieben bin und mir nicht mehr vorstellen kann weiterhin in der Pflege zu arbeiten. Ich habe vorher schon einiges schlechtes vom Arbeitsamt gehört, habe es selbst aber überhaupt nicht so empfunden. Jeder mit dem ich bis jetzt zu tun hatte war freundlich. Manche Mitarbeiter konnten mir bei meinen Fragen nicht weiterhelfen, aber ich habe mich nie schlecht behandelt gefühlt. Bei dem Beratungsgespräch hat mir die Mitarbeiterin empfohlen einen Antrag auf Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) bei der Rentenversicherung zu stellen. Dort habe ich erstmal angerufen. Ich weiß nicht, ob andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben, aber ich fand es immer unheimlich schwer bei der Rentenversicherung an Informationen zu kommen. Ich habe als erstes versucht, einen Termin für ein Beratungsgespräch zu vereinbaren, wie ich es auch bei der Agentur für Arbeit hatte. Bei der Rentenversicherung wurde mir dazu aber gesagt, dass man erst einen Termin bei einem Rehaberater/in bekommt, wenn der LTA-Antrag genehmigt wurde. Diesen habe ich mir dann aus dem Internet herausgesucht. Ich bin wirklich froh, dass ich damals noch in der Nachsorgegruppe der Tagesklinik war. Ich hätte sonst gar nicht gewusst, welche Anträge ich ausfüllen muss. Zum Glück konnte ich dort jede Woche die Sozialarbeiterin um Rat fragen. Allein wäre ich glaube ich vor den ganzen Anträgen verzweifelt.

Nach ein paar Wochen bekam ich einen Brief der Rentenversicherung mit dem Hinweis, dass sie nicht zuständig sind und den Antrag an die Arbeitsagentur weitergegeben haben. Dahinter standen bestimmt 20 mögliche Gründe, warum sie nicht zuständig sein könnten und der Hinweis, dass mindestens einer davon auf mich zutrifft. Jetzt (ein paar Monate später) habe ich erfahren, dass ich nur 14 und nicht 15 Jahre versichert bin. Es hat dann noch ein paar Wochen gedauert, aber dann hat sich die Arbeitsagentur bei mir gemeldet und ich bekam den lang ersehnten Termin bei der Rehaberaterin.

Bei diesem Etappenziel mache ich erstmal eine Pause, da es an dieser Stelle noch lange nicht vorbei ist mit dem Ausfüllen von Anträgen. Aber es gibt auch zu allen weiteren Punkten noch viel zu erzählen und dieser Text würde einfach viel zu lang werden. Zumindest ist hier schon ersichtlich, dass es wirklich nicht schnell vorwärts geht. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. Ich glaube ich habe die Zeit für mich konstruktiv genutzt. Und wie schon gesagt, auf einen Monat kommt es jetzt bei mir auch nicht mehr an.

Der Weg ist, wo die Angst ist

Im letzten Eintrag habe ich schon geschrieben, dass ich Anfang letzten Jahres eine depressive Episode hatte. Rückblickend würde ich sagen, dass es schon im November 2018 angefangen hat. Ich hatte eine neue Stelle angefangen und gehofft, dass sich dadurch ganz viel für mich positiv verändern wird. Um so größer war dann die Enttäuschung, als ich gemerkt habe, dass es überhaupt nicht besser dort ist. Zu diesem Zeitpunkt war ich total verzweifelt. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dort längerfristig zu arbeiten. Ich hatte aber für einen erneuten Wechsel überhaupt keine Energie mehr. Und ich hatte ja auch keine Garantie, dass es bei einem neuen Arbeitgeber besser sein wird. Gefühlt habe ich ja schon überall gearbeitet.

Ich habe viel mit meinem Mann und auch mit meinem ambulanten Psychotherapeuten gesprochen und die Beiden haben mich davon überzeugt in die Tagesklinik zu gehen. Ich konnte mir das am Anfang überhaupt nicht vorstellen. Ich fühlte mich in dieser Zeit so gestresst, dass mein erster Gedanke war: „das geht nicht, dafür habe ich keine Zeit“. Und danach hatte ich eine riesige Angst davor mich meinem Umfeld gegenüber zu öffnen. Ich habe gedacht, dass alle Anderen genauso reagieren, wie meine Herkunftsfamilie und mich niemand mehr erst nehmen wird. Aber es war überhaupt nicht so. Ich habe gar nichts Negatives gehört, sondern nur Unterstützung bekommen. Und ich habe in meinem Umfeld auch nicht das Gefühl weniger erst genommen zu werden. Ich glaube für die Zukunft war das eine sehr wichtige Erfahrung. Ich konnte mir auch überhaupt nicht vorstellen, nicht mehr zu arbeiten. Ich habe so unter der Arbeit gelitten, konnte mich aber einfach nicht krankmelden. Selbst als ich die Einweisung schon hatte, bin ich nachmittags noch eine Tour gefahren. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen meinen Kollegen gegenüber. In meinem Kopf habe ich immer nur gehört: „reiß dich zusammen!!!“

Heute bin ich froh, dass ich mich überwunden habe. Es war wirklich schwer und ich hatte so viele Ängste, aber weiter zu machen, wäre einfach falsch gewesen und hätte mich langfristig überhaupt nicht weitergebracht. In der Zeit der Tagesklinik hat mich der Satz: Der Weg ist, wo die Angst ist, irgendwie verfolgt. Am Anfang habe ich den Satz gehasst. Ich weiß, dass er für mich stimmt. Aber ich wollte einfach keine Angst mehr haben und glaubte dafür keine Energie mehr zu haben. Im letzten Jahr habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es sich erstmal richtig schlimm anfühlt und ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass sich das jemals wieder ändern wird. Aber es ändert sich immer wieder. Bei mir meist so nach zwei bis drei Tagen. Und wenn ich nichts ändere habe ich ja auch viele schlechte Tage, aber ich lerne nichts daraus und kann mich nicht weiterentwickeln. Ich bin mir sicher, dass der Weg, den ich bisher gegangen bin, der falsche war. Ich weiß nicht, welches der richtige ist, aber auf dem alten Weg, werde ich den richtigen ja nicht finden.

Die acht Wochen, die ich insgesamt in der Tagesklinik war, haben mir sehr geholfen. Besonders die Erfahrungen in der Gruppe. Ich habe viele nette Leute kennen gelernt, die ähnliche Probleme haben wie ich. Ich habe gemerkt, dass ich nicht der einzige bin und ich konnte anfangen zu üben, offen über negative Gefühle zu sprechen. Ich habe gemerkt, wie einsam ich mich dadurch gefühlt habe, dass ich mich nicht zeige, weil ich Angst vor Ablehnung habe. Dort hatte ich einen geschützten Raum und konnte viele positive Erfahrungen sammeln.

Die Therapiegespräche waren wirklich anstrengend. Nach dem Aufnahmegespräch konnte ich mir  nicht vorstellen mich dem Psychiater gegenüber öffnen zu können. Die Gespräche waren auch wirklich wesentlich härter, als in der ambulanten Therapie, aber wir haben eine Menge aufgedeckt, was ich im Anschluss in der ambulanten Therapie weiter bearbeiten konnte. Auch wenn es immer wieder schwer ist, macht es für mich Sinn, mal mit einem anderen Therapeuten zu sprechen. Da jemand anderes die Dinge noch mal von einer anderen Seite sieht und angeht.

Rückblickend würde ich wieder in die Tagesklinik gehen. Es hat mir sehr geholfen Mut für einen Neustart zu bekommen und ganz viele positive Erfahrungen zu sammeln.

Regenbogen 2.0.

Ich bin wieder da!

Es ist schon fast ein Jahr her, dass ich das letzte Mal etwas geschrieben habe. Im letzten Jahr ist viel passiert und es gibt mehrere Gründe, warum ich nicht geschrieben habe und viele Gründe, warum ich es jetzt unbedingt wieder machen möchte.

Anfang des Jahres hatte ich eine depressive Episode. Und meine Gedanken waren zu düster um sie zu teilen und ins Internet zu stellen. Später war ich ziemlich mit der Therapie beschäftigt und irgendwie auch zu durcheinander, um das was mich bewegt geordnet auf Papier zu bringen. Und über Belangloses wollte ich auch nicht schreiben. Damit verschwende ich meine Zeit und die Zeit von jedem, der es anschließend liest. Und dann war ich irgendwie raus und wusste nicht wie ich wieder einsteigen soll.

In letzter Zeit hatte ich aber immer öfter den Gedanken wieder zu schreiben. Besonders, weil ich in diesem Jahr so viel positives erlebt habe und von so vielen guten Hilfsangeboten erfahren habe, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Von diesen Dingen möchte ich unbedingt erzählen. Ich könnte mir vorstellen, dass es viele Betroffene gibt, die diese Angebote noch nicht kennen. Ich bin schon so lange in Behandlung und hatte von den meisten Möglichkeiten noch nichts gehört. Und an dieser Stelle möchte ich zumindest einen kleinen Beitrag leisten.

Heute Morgen habe ich gedacht, dass es eigentlich gerade ziemlich blöd ist, weil ich nichts Neues anfangen kann. Ich warte auf einen Therapie- oder Rehaplatz und weiß nicht, wann es losgeht. Und da habe ich mir vorgenommen wieder zu schreiben. Das kann ich immer machen. Ich glaube, wenn ich erstmal wieder dabei bin, wird es auch gar nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen. Viele Ideen, worüber ich schreiben möchte habe ich. Ich möchte als erstes erzählen, wie das letzte Jahr verlaufen ist. Dann möchte ich euch von allem an Therapie erzählen, was ich gemacht habe, noch vorhabe und von dem ich gehört habe. Von allen Anträgen, die ich geschrieben habe. Und auch von allem anderen, was mir geholfen hat.

Das Wichtigste, was ich in diesem Jahr gelernt habe ist, dass es Hilfe gibt. Ich kenne vielleicht das richtige Angebot noch nicht und es geht wahrscheinlich auch nicht schnell, aber es gibt viele Angebote. Und das ist es auch eigentlich, was ich unbedingt an Andere weitergeben möchte. Wenn eine Person am Telefon euch nicht weiterhelfen kann. Dann heißt das nicht, dass niemand das kann. Es lohnt sich einfach immer weiter dran zu bleiben. Früher dachte ich, dass ich so etwas nicht kann, da ich mich nicht durchsetzen kann. Aber bis jetzt ging es auch immer so. Ich habe immer freundlich weiter gefragt. Und wenn mir jemand nicht weiterhelfen konnte, habe ich überlegt, ob es vielleicht noch jemand Anderen gibt, den ich fragen kann. So bin ich zumindest immer ein Stückchen weitergekommen. Es dauert, aber es geht weiter. Und meiner Meinung nach ist das das Wichtigste. Ich habe depressive Episoden seitdem ich dreizehn bin. Das sind jetzt schon fast 23 Jahre. Ich finde da kommt es nicht mehr auf einen Monat an.

Es war für mich der falsche Weg mich zusammen zu reißen und möglichst schnell weiter zu gehen. Das möchte ich in Zukunft anders machen. Davon möchte ich erzählen und ich wünsche mir, dass ich damit auch Andere motivieren kann sich auf die Suche nach dem für sie richtigen Weg zu machen.

Einfach weiter zusammen reißen?

Hallo ihr Lieben, 


Es tut mir leid, dass ich so lange nichts geschrieben habe. Die letzten Monate waren so stressig und ich konnte meine Gefühle einfach nicht sortieren, um sie in Worte zu fassen. Außerdem konnte ich mir selbst nicht erlauben mir dafür Zeit zu nehmen. Auch jetzt fällt es mir schwer, aber ich möchte unbedingt wieder starten. Ich versuche glaube einfach mal mich von außen nach innen vorzuarbeiten und lasse mich überraschen wohin das führt.


Am 01.10. habe ich eine neue Stelle angefangen. Von der Arbeit her eigentlich genau das Gleiche, wie vorher. Aber von den Rahmenbedingungen her hörte es sich viel besser an. Mir wurde versprochen gemeinsam nach meinen Vorstellungen einen Rahmendienstplan zu erarbeiten und es sollte sich daran gehalten werden. Außerdem wurde mir eine bezahlte Weiterbildung in Aussicht gestellt. Und auch das Gehalt ist mehr. Hört sich zwar blöd an, aber das war für mich schließlich das ausschlaggebende Kriterium. Ich dachte, dass selbst wenn es das der gleiche Job wie vorher ist, ich aber mehr Geld bekomme ist das ja schon ein Gewinn. Das ist es auch. Aber ich weiß gerade nicht, ob ich den Preis dafür bezahlen kann. Ich habe gemerkt, dass der Minimalismus in meiner jetzigen Lebenssituation recht schnell an Grenzen stößt. Da ich es zwar für mich selbst leben kann, aber nicht für meinen Mann und besonders nicht für meine Kinder. Und mit dem Geld, dass ich vorher verdient habe war es einfach immer knapp. Leider wird sich an die restlichen Vereinbarungen nicht gehalten. Ich habe in den ersten drei Monaten bereits über 90 Überstunden gemacht. Und es ist mir einfach zu viel. Und ich glaube auch nicht, dass sich das in diesem Betrieb in Zukunft langfristig ändert. Es fangen zwar häufig neue Kollegen an, aber noch schneller kündigen Mitarbeiter. Irgendwie läuft es immer weiter. Aber ich finde es einfach sehr anstrengend. Rückblickend ist mir auch aufgefallen, dass es mir psychisch viel schlechter geht seitdem ich dort arbeite. Mein Selbstwert befindet sich irgendwo im Minusbereich. Und an manchen Tagen kann ich mir überhaupt nicht vorstellen jemals wieder an irgendetwas Freude zu haben. Und darauf kommen dann noch meine Schuldgefühle, dass es mir schlecht geht und ich mich nicht einfach mal zusammen reißen kann. Wenn ich dann noch bei sehr dominanten, fordernden Patienten höre ich in Ruhe immer die Worte meiner Herkunftsfamilie in mir. Auch wenn ich sie nicht mehr sehe, quatschen sie immer weiter. Und an diesen Tagen, denke ich , dass sie wahrscheinlich einfach recht haben. 
Und gerade weiß ich nicht, wie eine Lösung für das Problem sein könnte. Ich glaube nicht, dass es förderlich für mich ist dort weiter zu arbeiten. Ich weiß aber auch, dass das Problem in mir liegt und ich es auch zu jeder anderen Arbeitsstelle mitnehmen muss. Ich versuche dann immer nur mich mehr zusammen zu reißen und mehr zu leisten, um meinen Selbstzweifeln keinen Raum zu geben. Aber oft bin ich einfach nur müde. Ich habe das Gefühl, dass ich einfach so viel nachlernen muss, um in der Welt bestehen zu können. Ich glaube weil ich mich immer nur zusammen gerissen habe weiß ich gar nicht, was ich mit negativen Gefühlen anstellen soll. Ich habe das Gefühl, dass sie mich zerreißen würden, wenn ich sie zulasse. Und dann reiße ich mich lieber wieder zusammen. Das kann ich glaube ich am besten und für den Moment gibt es mir immer wieder Sicherheit. Alles Andere macht mir viel zu viel Angst.

Jahrestag

Heute ist das Gespräch mit meiner Herkunftsfamilie, das zum Kontaktabbruch führte, genau ein Jahr her. Der Gedanke löst auch ganz viele negative Gefühle aus. Aber ich finde ich sollte dieses Datum dazu nutzen, mir alles in Erinnerung zu rufen was sich seitdem verbessert hat und das ist wirklich viel. Eigentlich ist es ein komplett anderes Leben, im positiven Sinne.

Ich glaube die größte Entlastung in meinem Alltag war, dass meine Mutter nicht mehr zu mir nach Hause kommt. Ich brauche mich also nicht mehr damit zu stressen, dass der Haushalt immer erledigt sein muss, weil es ja niemand mehr kontrolliert. Außerdem muss ich mich mit niemandem im Kontakt mehr verstellen. Bei meiner Herkunftsfamilie hatte ich das Gefühl, dass ich mich immer schützen muss und jedesmal beweisen muss, dass ich nicht minderwertig bin. Im Nachhinein ist mir erst klar geworden, wie anstrengend das war. Ich kann auch einfach sagen, dass mir etwas zu anstrengend, zu stressig oder zu viel ist und es ist ok. Niemand sagt, dass ich ja sowieso mit allem überfordert bin.

Nach meinem Gefühl hat sich auch die Beziehung zu meinen Kindern verbessert. Ich glaube, dass ich gelernt habe mehr auf mein Bauchgefühl zu hören und nicht einfach alles zu machen, von dem ich denke, dass eine gute Mutter es machen muss. Ich habe so den Raum meine Kinder wirklich zu sehen. Und ich habe viel mehr Energie für sie, weil ich mich nicht mehr jeden Tag überfordere.

Außerdem habe ich ein viel besseres Gefühl für mich selbst entwickelt. Für Dinge die mir wichtig sind und die mir Spaß machen. Und ich kann die anderen Dinge auch wirklich lassen, ohne dass es mir jemand vorwirft.

Ich brauche glaube ich noch mehr Zeit, aber so langsam wird mir immer deutlicher, dass sich meine Herkunftsfamilie mir gegenüber wirklich falsch verhalten hat. Und dass nicht alles meine Schuld ist. Am positivsten fällt mir das auf, wenn mir irgendetwas nicht gefällt. Früher dachte ich immer, dass das an mir liegt und ich mich einfach nur mehr zusammenreißen und anpassen muss. Die Verantwortung bei meiner Herkunftsfamilie zu sehen fällt mir immer noch am schwierigsten. Aber ich bin mir zumindest sicher, dass ich nie wieder zurück möchte. Und es mir ohne diesen Kontakt viel besser geht. Auch körperlich habe ich das total gemerkt. Am meisten damit, dass ich diese extreme Müdigkeit nicht mehr habe. Klar bin ich im Verlauf des Tages noch manchmal müde. Aber es hat eine ganz andere Qualität. Es ist nicht mehr so, dass ich überhaupt nicht mehr länger sitzen kann, weil ich dann einschlafe. Und es ist nicht mehr so, dass mich diese extreme Müdigkeit im Alltag belastet.

Und mit all diesen positiven Dingen im Kopf kann ich nur sagen, dass es die richtige Entscheidung war. Es war wirklich ein schwerer Weg, aber es hat sich gelohnt ihn zu gehen! Und ich werde ihn nicht wieder zurück gehen!