Motivation, Hoffnung und totale Verunsicherung

Auf das Assessment war ich wirklich gespannt. Bei der Infoveranstaltung hat es mir wirklich sehr gut gefallen, aber ich war skeptisch, ob wirklich so viel gemacht wird, wie dort gesagt wurde. Wenn ich ehrlich bin konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Ich hoffte aber, dass ich zumindest für mich einige Fragen würde klären können. Ich war wirklich dankbar diese Möglichkeit zu haben. Wenn ich ehrlich bin war ich mir überhaupt nicht sicher, ob ich fit genug für einen beruflichen Neuanfang bin. Von der einen Seite her schrie natürlich wie immer die „reiß dich zusammen“-Stimme. Und wenn es nach ihr ginge könnte ich natürlich schon morgen jeden Job in der Pflege annehmen. Auf der anderen Seite traute ich mir eigentlich überhaupt nichts mehr zu. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Ich habe mir fest vorgenommen im Assessment mir und den anderen gegenüber ehrlich zu sein. Mich zu zeigen, wie ich bin und zu meinen Schwächen zu stehen. Ich übe jetzt aber schon mindestens zwanzig Jahre mich zu verstellen und so zu wirken, wie ich es für „normal“ halte. Da kann ich oft selbst gar nicht mehr unterscheiden wie ich wirklich bin. Und zu allem Überfluss brüllt dann auch noch dauernd die „reiß dich zusammen“-Stimme dazwischen.

Die erste Woche war super. Es war schön mal wieder rauszukommen. In der Gruppe habe ich mich sehr wohl gefühlt. Ich mag es immer mal über ganz andere Dinge zu sprechen und Geschichten von anderen zu hören. Es war ähnlich, wie in der Tagesklinik. Ich war total motiviert und hoffnungsvoll.

Das erste Stimmungstief hatte ich glaube ich in der zweiten Woche. Wir haben in der ersten Woche einen Test über die aktuelle Stimmung gemacht und nun das Ergebnis besprochen. Und da ich mir ja vorgenommen hatte ehrlich zu sein, habe ich alles so angegeben, wie ich mich fühlte. Ich war überrascht, dass die Mitarbeiterin, mit der ich das Ergebnis besprochen habe, so überrascht war, dass es mir so schlecht geht. Erstmal, weil ich dachte, dass ich ja sonst gar nicht da wäre und weil es mir auch eigentlich viel besser ging als vorher. Aber im Vergleich zu Anderen wohl auch doch nicht so toll. Sie hat mich dann gefragt, ob ich mich für stabil halte. Und wenn ich ehrlich bin kann ich das nicht mit ja beantworten. Aber ich war glaube ich noch nie stabil. Und weiß auch nicht, wie meine Prognose ist und auf was ich da warten soll. Dieses Gespräch hat mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt, bzw. mich verunsichert. Auch bei der fachpraktischen Erprobung habe ich gemerkt, dass ich kein Gefühl für meine eigenen Grenzen habe. Wenn mir gesagt wird, dass ich eine Aufgabe erledigen soll, dann erledige ich sie. Auf mich selbst kann ich dabei kaum achten. Und gegen Widerstände durchsetzen könnte ich meine Grenzen auf keinen Fall.

Der absolute Tiefpunkt kam dann nach dem Gespräch mit der Psychologin. Sie gab mir die Aufgabe mal darüber nachzudenken, was ich im Alter von 0-10 geschafft habe. Geschafft, nicht geleistet. Mir viel im Gespräch nichts ein. Sie meinte ich soll mal darüber nachdenken, da es eine gute Übung ist, um von dem Leistungsgedanken wegzukommen. Am Wochenende habe ich das mal versucht. Aber wenn ich zurück gedacht habe, dann habe ich nur Selbsthass gefühlt. So stark, dass ich es kaum aushalten konnte. Ich bat die Psychologin in der nächsten Woche erneut um ein Gespräch und erzählte ihr von meinen Gefühlen. Sie meinte, dass zur Zeit gerade nicht der richtige Moment ist, das was da raus möchte zu bearbeiten. Aber dass ich noch mindestens einen Zwischenschritt brauche, bevor ich mich um eine neue Arbeitsstelle bemühe. Wir besprachen, dass eine medizinisch-berufliche Reha für mich genau das Richtige ist. Über diese Reha werde ich auf jeden Fall noch einmal separat schreiben. Das ist wirklich ein gutes Angebot und fühlt sich für mich richtig an.

Ich habe alle alten Gefühle dann erstmal weggeschoben und habe versucht mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Ich habe mir alle Gedanken in ein Notizbuch geschrieben, um in der ambulanten Therapie darüber sprechen zu können. Ich habe versucht, mir vorzustellen, dass ich genau so, wie ich das Buch zumache und in den Schrank stelle, auch meine Gefühle wegstellen kann.

In der vierten Woche fand dann das Gespräch mit meiner Rehaberaterin statt. Sie fand auch, dass die medizisch-berufliche Rehabilitation eine gute Lösung für mich ist. Nur kann sie dies nicht genehmigen. Der Träger des medizinischen Teils der Rehabilitation ist nämlich die Rentenversicherung oder die Krankenkasse. Ich musste also als nächstes erst einmal wieder einen Antrag stellen. Davon erzähle ich dann aber beim nächsten Mal. Schnell und einfach ging das nämlich auch nicht.

 

Individuell oder einfach nur chaotisch?

Im letzten Beitrag habe ich ja schon von dem recht langen Weg zu einem Termin bei einer Rehaberaterin erzählt. Es hat ein paar Monate gedauert, aber ich muss sagen, dass es sich gelohnt hat. Die Beraterin ist sehr nett und kompetent. Bei unserem ersten Termin habe ich erfahren, dass mein LTA-Antrag genehmigt wurde. Das heißt erstmal, dass festgestellt wurde, dass ich Unterstützung benötigen um langfristig am Arbeitsleben teilnehmen zu können. Das Gutachten wurde von einer Ärztin der Arbeitsagentur auf Grund der von mir eingereichten Arztbriefe erstellt. Darin steht, dass klar ersichtlich ist, dass ich auf Grund meiner Erkrankung Schwierigkeiten im Arbeitsleben habe und auch in Zukunft haben werde, sie aber aus den Arztbriefen nicht ersehen kann, ob ich schon wieder belastbar genug bin, um z.B. eine Umschulung zu machen. Von daher wurde mir empfohlen an einer Belastungserprobung (Assessment) teilzunehmen. Die Beraterin gab mir zwei Adressen von Anbietern mit denen die Arbeitsagentur zusammen arbeitet. Sie sagte, ich soll einfach bei Beiden mal eine Infoveranstaltung besuchen und ihr anschließend mitteilen, bei welchem Anbieter es mir am besten gefallen hat. Ich war wirklich positiv überrascht das ich diese Möglichkeit hatte. Ich dachte, dass es in der Beratung hauptsächlich darum gehen wird, mich möglichst schnell wieder in Arbeit zu bringen, aber so war es überhaupt nicht. Die Beraterin hat mir noch einmal gesagt, dass ich mir keinen Stress machen soll und auch im Assessment wirklich ehrlich zu mir selbst sein soll. Sie sagte, dass es auch nicht schlimm ist, wenn ich noch nicht fit genug bin. Sie meinte, dass wir es nur wissen müssen, um eine für mich geeignete Lösung zu finden.

Ich rief also bei beiden Assessmentanbietern an und bekam recht schnell einen Termin. Gefallen hat es mir eigentlich bei beiden wirklich gut. Und mal wieder war ich überrascht, welche Hilfsangebote es alles gibt. Das Assessment ist wirklich erst der Anfang, um herauszufinden, welches das Richtige ist. Ich habe mich dann für den Anbieter entschieden, bei dem mir der Ablauf am besten geplant erschien. Bei der Infoveranstaltung wurde gesagt, dass wir in der ersten Woche verschiedene Testungen machen. Zusätzlich haben wir ein Gespräch mit dem Psychologen, der uns im Assessment betreut. In der zweiten Woche wird dann eine fachpraktische Erprobung durchgeführt. Das heißt wir bekommen verschiedene Aufgaben und können diese innerhalb einer Woche in eigenem Tempo bearbeiten. In der dritten Woche werden dann die Ergebnisse besprochen und wir lernen die weiteren Rehabilitationsangebote kennen. In der vierten Woche finden dann die Gespräche mit den Kostenträgern statt, in denen unsere weitere Rehabilitation besprochen wird. Während der Infoveranstaltung des anderen Angebotes wurde der Ablauf nicht so genau besprochen. Es wurde immer nur gesagt, dass das immer individuell entschieden wird. Das kann natürlich einerseits gut sein, könnte aber auch bedeuten, dass kaum etwas passiert. Von daher habe ich mich für das erste Angebot entschieden, da es mir wesentlich transparenter erschien. Nach einem kurzen Telefongespräch mit meiner Rehaberaterin bekam ich auch direkt einen Platz für den nächsten Starttermin.

Um aber LTA-Leistungen in Anspruch nehmen zu können musste ich in der Zwischenzeit noch einiges andere erledigen. Zu dieser Zeit war ich ja immer noch angestellt und nur krank geschrieben. Ich wollte das auch einerseits unbedingt klären, weil mir ja klar war, dass ich nicht zu meinem alten Arbeitsplatz zurückkehren kann. Es ist mir aber total schwer gefallen. Erstmal überhaupt das Gespräch mit meiner Chefin zu führen. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen, weil mir klar war, dass ich sie enttäuschen werde. Ich habe mir immer wieder gesagt, dass es auch niemandem weiterhilft es nicht zu sagen. Das ändert ja an der Tatsache nichts, dass ich dort nicht mehr arbeiten kann. Obwohl die „du musst dich nur zusammenreißen“-Stimme in meinem Kopf laut das Gegenteil behauptete. Im Laufe dieses Jahres ist mir aber klar geworden, dass es mir schon die letzten 23 Jahre nicht geholfen hat auf diese Stimme zu hören. Aber es fühlt sich einfach so richtig an. Ich weiß ja aber auch, dass es falsch ist. Auf jeden Fall musste ich ein Gespräch mit meiner Chefin führen. Ich hatte mich vorher in der Arbeitsagentur erkundigt. Um nicht für das Arbeitslosengeld (ALG) I gesperrt zu werden muss ich auf ärztlichen Rat kündigen. Dafür brauche ich ein Attest von meinem behandelnden Arzt und muss die Kündigung auf ärztlichen Rat vorher bei der Arbeitsagentur anmelden und mich am nächsten Tag direkt dort vor Ort melden. Mir hat das Gespräch mit meiner Chefin Angst gemacht und die ungewisse Situation hinterher, da ich ja noch keinen wirklichen Alternativplan hatte. Im Nachhinein war aber beides nicht schlimm. Meine Chefin war sehr nett und verständnisvoll. Ich glaube sie war am Ende auch froh eine geklärte Situation zu haben. Mit der Ungewissheit versuche ich zurecht zu kommen, indem ich mich immer erstmal nur auf das nächste Ziel konzentriere. Und dieses hatte ich bis jetzt eigentlich immer. Zu dieser Zeit also erstmal das Assessment. Einen Plan für später kann ich ja zur Zeit noch gar nicht haben, da ich die Möglichkeiten ja noch gar nicht kenne. Daher lohnt es sich auch nicht mich damit verrückt zu machen und Energie zu verschwenden, die ich sinnvoller nutzen kann.

Das Assessment war sehr intensiv. Ich habe wirklich viel mitgenommen und viel neues gelernt. Darüber werde ich im nächsten Beitrag schreiben.

Antragsdschungel

Bevor ich in die Tagesklinik gegangen bin, dachte ich, dass ich einfach nur einen ruhigeren Job brauche. Alle meine Probleme habe ich auf den Stress bei der Arbeit zurückgeführt. Mit der Zeit wurde mir aber immer deutlicher, dass es diese Lösung nicht geben wird. Es gibt keinen Beruf, keine Branche und kein Team, in dem es keine Konflikte gibt. Das ist vollkommen unrealistisch. Dann kann ich weiterhin Jobs wechseln, aber es wird mir nicht weiterhelfen. Als erstes muss ich an mir selbst arbeiten.

Ich habe mich daran erinnert, dass mir mit ungefähr 20 klar geworden ist, dass ich mir instinktiv Männer suche, die mein negatives Selbstbild bestätigen und mich dementsprechend schlecht behandeln. Zu dieser Zeit habe ich mir vorgenommen erstmal keine Beziehung zu haben und mich darauf zu konzentrieren allein zurecht zu kommen. Das hat mir wirklich gut getan und nach ungefähr drei Jahren habe ich meinen jetzigen Mann kennen gelernt. Aber auf das  Thema Arbeit ist das nicht so einfach zu übertragen. Es wäre sehr schwierig erstmal gar nicht zu arbeiten und mich auch nicht um das Thema Arbeit zu kümmern. Irgendwie muss ich meinen Lebensunterhalt verdienen.

Nach der Tagesklinik war ich erstmal weiter krank geschrieben und habe den Tipp bekommen einen Termin beim Arbeitsamt zu vereinbaren. Dort erzählte ich von meiner Erkrankung, dass ich zur Zeit krank geschrieben bin und mir nicht mehr vorstellen kann weiterhin in der Pflege zu arbeiten. Ich habe vorher schon einiges schlechtes vom Arbeitsamt gehört, habe es selbst aber überhaupt nicht so empfunden. Jeder mit dem ich bis jetzt zu tun hatte war freundlich. Manche Mitarbeiter konnten mir bei meinen Fragen nicht weiterhelfen, aber ich habe mich nie schlecht behandelt gefühlt. Bei dem Beratungsgespräch hat mir die Mitarbeiterin empfohlen einen Antrag auf Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) bei der Rentenversicherung zu stellen. Dort habe ich erstmal angerufen. Ich weiß nicht, ob andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben, aber ich fand es immer unheimlich schwer bei der Rentenversicherung an Informationen zu kommen. Ich habe als erstes versucht, einen Termin für ein Beratungsgespräch zu vereinbaren, wie ich es auch bei der Agentur für Arbeit hatte. Bei der Rentenversicherung wurde mir dazu aber gesagt, dass man erst einen Termin bei einem Rehaberater/in bekommt, wenn der LTA-Antrag genehmigt wurde. Diesen habe ich mir dann aus dem Internet herausgesucht. Ich bin wirklich froh, dass ich damals noch in der Nachsorgegruppe der Tagesklinik war. Ich hätte sonst gar nicht gewusst, welche Anträge ich ausfüllen muss. Zum Glück konnte ich dort jede Woche die Sozialarbeiterin um Rat fragen. Allein wäre ich glaube ich vor den ganzen Anträgen verzweifelt.

Nach ein paar Wochen bekam ich einen Brief der Rentenversicherung mit dem Hinweis, dass sie nicht zuständig sind und den Antrag an die Arbeitsagentur weitergegeben haben. Dahinter standen bestimmt 20 mögliche Gründe, warum sie nicht zuständig sein könnten und der Hinweis, dass mindestens einer davon auf mich zutrifft. Jetzt (ein paar Monate später) habe ich erfahren, dass ich nur 14 und nicht 15 Jahre versichert bin. Es hat dann noch ein paar Wochen gedauert, aber dann hat sich die Arbeitsagentur bei mir gemeldet und ich bekam den lang ersehnten Termin bei der Rehaberaterin.

Bei diesem Etappenziel mache ich erstmal eine Pause, da es an dieser Stelle noch lange nicht vorbei ist mit dem Ausfüllen von Anträgen. Aber es gibt auch zu allen weiteren Punkten noch viel zu erzählen und dieser Text würde einfach viel zu lang werden. Zumindest ist hier schon ersichtlich, dass es wirklich nicht schnell vorwärts geht. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. Ich glaube ich habe die Zeit für mich konstruktiv genutzt. Und wie schon gesagt, auf einen Monat kommt es jetzt bei mir auch nicht mehr an.

Der Weg ist, wo die Angst ist

Im letzten Eintrag habe ich schon geschrieben, dass ich Anfang letzten Jahres eine depressive Episode hatte. Rückblickend würde ich sagen, dass es schon im November 2018 angefangen hat. Ich hatte eine neue Stelle angefangen und gehofft, dass sich dadurch ganz viel für mich positiv verändern wird. Um so größer war dann die Enttäuschung, als ich gemerkt habe, dass es überhaupt nicht besser dort ist. Zu diesem Zeitpunkt war ich total verzweifelt. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dort längerfristig zu arbeiten. Ich hatte aber für einen erneuten Wechsel überhaupt keine Energie mehr. Und ich hatte ja auch keine Garantie, dass es bei einem neuen Arbeitgeber besser sein wird. Gefühlt habe ich ja schon überall gearbeitet.

Ich habe viel mit meinem Mann und auch mit meinem ambulanten Psychotherapeuten gesprochen und die Beiden haben mich davon überzeugt in die Tagesklinik zu gehen. Ich konnte mir das am Anfang überhaupt nicht vorstellen. Ich fühlte mich in dieser Zeit so gestresst, dass mein erster Gedanke war: „das geht nicht, dafür habe ich keine Zeit“. Und danach hatte ich eine riesige Angst davor mich meinem Umfeld gegenüber zu öffnen. Ich habe gedacht, dass alle Anderen genauso reagieren, wie meine Herkunftsfamilie und mich niemand mehr erst nehmen wird. Aber es war überhaupt nicht so. Ich habe gar nichts Negatives gehört, sondern nur Unterstützung bekommen. Und ich habe in meinem Umfeld auch nicht das Gefühl weniger erst genommen zu werden. Ich glaube für die Zukunft war das eine sehr wichtige Erfahrung. Ich konnte mir auch überhaupt nicht vorstellen, nicht mehr zu arbeiten. Ich habe so unter der Arbeit gelitten, konnte mich aber einfach nicht krankmelden. Selbst als ich die Einweisung schon hatte, bin ich nachmittags noch eine Tour gefahren. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen meinen Kollegen gegenüber. In meinem Kopf habe ich immer nur gehört: „reiß dich zusammen!!!“

Heute bin ich froh, dass ich mich überwunden habe. Es war wirklich schwer und ich hatte so viele Ängste, aber weiter zu machen, wäre einfach falsch gewesen und hätte mich langfristig überhaupt nicht weitergebracht. In der Zeit der Tagesklinik hat mich der Satz: Der Weg ist, wo die Angst ist, irgendwie verfolgt. Am Anfang habe ich den Satz gehasst. Ich weiß, dass er für mich stimmt. Aber ich wollte einfach keine Angst mehr haben und glaubte dafür keine Energie mehr zu haben. Im letzten Jahr habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es sich erstmal richtig schlimm anfühlt und ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass sich das jemals wieder ändern wird. Aber es ändert sich immer wieder. Bei mir meist so nach zwei bis drei Tagen. Und wenn ich nichts ändere habe ich ja auch viele schlechte Tage, aber ich lerne nichts daraus und kann mich nicht weiterentwickeln. Ich bin mir sicher, dass der Weg, den ich bisher gegangen bin, der falsche war. Ich weiß nicht, welches der richtige ist, aber auf dem alten Weg, werde ich den richtigen ja nicht finden.

Die acht Wochen, die ich insgesamt in der Tagesklinik war, haben mir sehr geholfen. Besonders die Erfahrungen in der Gruppe. Ich habe viele nette Leute kennen gelernt, die ähnliche Probleme haben wie ich. Ich habe gemerkt, dass ich nicht der einzige bin und ich konnte anfangen zu üben, offen über negative Gefühle zu sprechen. Ich habe gemerkt, wie einsam ich mich dadurch gefühlt habe, dass ich mich nicht zeige, weil ich Angst vor Ablehnung habe. Dort hatte ich einen geschützten Raum und konnte viele positive Erfahrungen sammeln.

Die Therapiegespräche waren wirklich anstrengend. Nach dem Aufnahmegespräch konnte ich mir  nicht vorstellen mich dem Psychiater gegenüber öffnen zu können. Die Gespräche waren auch wirklich wesentlich härter, als in der ambulanten Therapie, aber wir haben eine Menge aufgedeckt, was ich im Anschluss in der ambulanten Therapie weiter bearbeiten konnte. Auch wenn es immer wieder schwer ist, macht es für mich Sinn, mal mit einem anderen Therapeuten zu sprechen. Da jemand anderes die Dinge noch mal von einer anderen Seite sieht und angeht.

Rückblickend würde ich wieder in die Tagesklinik gehen. Es hat mir sehr geholfen Mut für einen Neustart zu bekommen und ganz viele positive Erfahrungen zu sammeln.

Regenbogen 2.0.

Ich bin wieder da!

Es ist schon fast ein Jahr her, dass ich das letzte Mal etwas geschrieben habe. Im letzten Jahr ist viel passiert und es gibt mehrere Gründe, warum ich nicht geschrieben habe und viele Gründe, warum ich es jetzt unbedingt wieder machen möchte.

Anfang des Jahres hatte ich eine depressive Episode. Und meine Gedanken waren zu düster um sie zu teilen und ins Internet zu stellen. Später war ich ziemlich mit der Therapie beschäftigt und irgendwie auch zu durcheinander, um das was mich bewegt geordnet auf Papier zu bringen. Und über Belangloses wollte ich auch nicht schreiben. Damit verschwende ich meine Zeit und die Zeit von jedem, der es anschließend liest. Und dann war ich irgendwie raus und wusste nicht wie ich wieder einsteigen soll.

In letzter Zeit hatte ich aber immer öfter den Gedanken wieder zu schreiben. Besonders, weil ich in diesem Jahr so viel positives erlebt habe und von so vielen guten Hilfsangeboten erfahren habe, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Von diesen Dingen möchte ich unbedingt erzählen. Ich könnte mir vorstellen, dass es viele Betroffene gibt, die diese Angebote noch nicht kennen. Ich bin schon so lange in Behandlung und hatte von den meisten Möglichkeiten noch nichts gehört. Und an dieser Stelle möchte ich zumindest einen kleinen Beitrag leisten.

Heute Morgen habe ich gedacht, dass es eigentlich gerade ziemlich blöd ist, weil ich nichts Neues anfangen kann. Ich warte auf einen Therapie- oder Rehaplatz und weiß nicht, wann es losgeht. Und da habe ich mir vorgenommen wieder zu schreiben. Das kann ich immer machen. Ich glaube, wenn ich erstmal wieder dabei bin, wird es auch gar nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen. Viele Ideen, worüber ich schreiben möchte habe ich. Ich möchte als erstes erzählen, wie das letzte Jahr verlaufen ist. Dann möchte ich euch von allem an Therapie erzählen, was ich gemacht habe, noch vorhabe und von dem ich gehört habe. Von allen Anträgen, die ich geschrieben habe. Und auch von allem anderen, was mir geholfen hat.

Das Wichtigste, was ich in diesem Jahr gelernt habe ist, dass es Hilfe gibt. Ich kenne vielleicht das richtige Angebot noch nicht und es geht wahrscheinlich auch nicht schnell, aber es gibt viele Angebote. Und das ist es auch eigentlich, was ich unbedingt an Andere weitergeben möchte. Wenn eine Person am Telefon euch nicht weiterhelfen kann. Dann heißt das nicht, dass niemand das kann. Es lohnt sich einfach immer weiter dran zu bleiben. Früher dachte ich, dass ich so etwas nicht kann, da ich mich nicht durchsetzen kann. Aber bis jetzt ging es auch immer so. Ich habe immer freundlich weiter gefragt. Und wenn mir jemand nicht weiterhelfen konnte, habe ich überlegt, ob es vielleicht noch jemand Anderen gibt, den ich fragen kann. So bin ich zumindest immer ein Stückchen weitergekommen. Es dauert, aber es geht weiter. Und meiner Meinung nach ist das das Wichtigste. Ich habe depressive Episoden seitdem ich dreizehn bin. Das sind jetzt schon fast 23 Jahre. Ich finde da kommt es nicht mehr auf einen Monat an.

Es war für mich der falsche Weg mich zusammen zu reißen und möglichst schnell weiter zu gehen. Das möchte ich in Zukunft anders machen. Davon möchte ich erzählen und ich wünsche mir, dass ich damit auch Andere motivieren kann sich auf die Suche nach dem für sie richtigen Weg zu machen.

Einfach weiter zusammen reißen?

Hallo ihr Lieben, 


Es tut mir leid, dass ich so lange nichts geschrieben habe. Die letzten Monate waren so stressig und ich konnte meine Gefühle einfach nicht sortieren, um sie in Worte zu fassen. Außerdem konnte ich mir selbst nicht erlauben mir dafür Zeit zu nehmen. Auch jetzt fällt es mir schwer, aber ich möchte unbedingt wieder starten. Ich versuche glaube einfach mal mich von außen nach innen vorzuarbeiten und lasse mich überraschen wohin das führt.


Am 01.10. habe ich eine neue Stelle angefangen. Von der Arbeit her eigentlich genau das Gleiche, wie vorher. Aber von den Rahmenbedingungen her hörte es sich viel besser an. Mir wurde versprochen gemeinsam nach meinen Vorstellungen einen Rahmendienstplan zu erarbeiten und es sollte sich daran gehalten werden. Außerdem wurde mir eine bezahlte Weiterbildung in Aussicht gestellt. Und auch das Gehalt ist mehr. Hört sich zwar blöd an, aber das war für mich schließlich das ausschlaggebende Kriterium. Ich dachte, dass selbst wenn es das der gleiche Job wie vorher ist, ich aber mehr Geld bekomme ist das ja schon ein Gewinn. Das ist es auch. Aber ich weiß gerade nicht, ob ich den Preis dafür bezahlen kann. Ich habe gemerkt, dass der Minimalismus in meiner jetzigen Lebenssituation recht schnell an Grenzen stößt. Da ich es zwar für mich selbst leben kann, aber nicht für meinen Mann und besonders nicht für meine Kinder. Und mit dem Geld, dass ich vorher verdient habe war es einfach immer knapp. Leider wird sich an die restlichen Vereinbarungen nicht gehalten. Ich habe in den ersten drei Monaten bereits über 90 Überstunden gemacht. Und es ist mir einfach zu viel. Und ich glaube auch nicht, dass sich das in diesem Betrieb in Zukunft langfristig ändert. Es fangen zwar häufig neue Kollegen an, aber noch schneller kündigen Mitarbeiter. Irgendwie läuft es immer weiter. Aber ich finde es einfach sehr anstrengend. Rückblickend ist mir auch aufgefallen, dass es mir psychisch viel schlechter geht seitdem ich dort arbeite. Mein Selbstwert befindet sich irgendwo im Minusbereich. Und an manchen Tagen kann ich mir überhaupt nicht vorstellen jemals wieder an irgendetwas Freude zu haben. Und darauf kommen dann noch meine Schuldgefühle, dass es mir schlecht geht und ich mich nicht einfach mal zusammen reißen kann. Wenn ich dann noch bei sehr dominanten, fordernden Patienten höre ich in Ruhe immer die Worte meiner Herkunftsfamilie in mir. Auch wenn ich sie nicht mehr sehe, quatschen sie immer weiter. Und an diesen Tagen, denke ich , dass sie wahrscheinlich einfach recht haben. 
Und gerade weiß ich nicht, wie eine Lösung für das Problem sein könnte. Ich glaube nicht, dass es förderlich für mich ist dort weiter zu arbeiten. Ich weiß aber auch, dass das Problem in mir liegt und ich es auch zu jeder anderen Arbeitsstelle mitnehmen muss. Ich versuche dann immer nur mich mehr zusammen zu reißen und mehr zu leisten, um meinen Selbstzweifeln keinen Raum zu geben. Aber oft bin ich einfach nur müde. Ich habe das Gefühl, dass ich einfach so viel nachlernen muss, um in der Welt bestehen zu können. Ich glaube weil ich mich immer nur zusammen gerissen habe weiß ich gar nicht, was ich mit negativen Gefühlen anstellen soll. Ich habe das Gefühl, dass sie mich zerreißen würden, wenn ich sie zulasse. Und dann reiße ich mich lieber wieder zusammen. Das kann ich glaube ich am besten und für den Moment gibt es mir immer wieder Sicherheit. Alles Andere macht mir viel zu viel Angst.

Jahrestag

Heute ist das Gespräch mit meiner Herkunftsfamilie, das zum Kontaktabbruch führte, genau ein Jahr her. Der Gedanke löst auch ganz viele negative Gefühle aus. Aber ich finde ich sollte dieses Datum dazu nutzen, mir alles in Erinnerung zu rufen was sich seitdem verbessert hat und das ist wirklich viel. Eigentlich ist es ein komplett anderes Leben, im positiven Sinne.

Ich glaube die größte Entlastung in meinem Alltag war, dass meine Mutter nicht mehr zu mir nach Hause kommt. Ich brauche mich also nicht mehr damit zu stressen, dass der Haushalt immer erledigt sein muss, weil es ja niemand mehr kontrolliert. Außerdem muss ich mich mit niemandem im Kontakt mehr verstellen. Bei meiner Herkunftsfamilie hatte ich das Gefühl, dass ich mich immer schützen muss und jedesmal beweisen muss, dass ich nicht minderwertig bin. Im Nachhinein ist mir erst klar geworden, wie anstrengend das war. Ich kann auch einfach sagen, dass mir etwas zu anstrengend, zu stressig oder zu viel ist und es ist ok. Niemand sagt, dass ich ja sowieso mit allem überfordert bin.

Nach meinem Gefühl hat sich auch die Beziehung zu meinen Kindern verbessert. Ich glaube, dass ich gelernt habe mehr auf mein Bauchgefühl zu hören und nicht einfach alles zu machen, von dem ich denke, dass eine gute Mutter es machen muss. Ich habe so den Raum meine Kinder wirklich zu sehen. Und ich habe viel mehr Energie für sie, weil ich mich nicht mehr jeden Tag überfordere.

Außerdem habe ich ein viel besseres Gefühl für mich selbst entwickelt. Für Dinge die mir wichtig sind und die mir Spaß machen. Und ich kann die anderen Dinge auch wirklich lassen, ohne dass es mir jemand vorwirft.

Ich brauche glaube ich noch mehr Zeit, aber so langsam wird mir immer deutlicher, dass sich meine Herkunftsfamilie mir gegenüber wirklich falsch verhalten hat. Und dass nicht alles meine Schuld ist. Am positivsten fällt mir das auf, wenn mir irgendetwas nicht gefällt. Früher dachte ich immer, dass das an mir liegt und ich mich einfach nur mehr zusammenreißen und anpassen muss. Die Verantwortung bei meiner Herkunftsfamilie zu sehen fällt mir immer noch am schwierigsten. Aber ich bin mir zumindest sicher, dass ich nie wieder zurück möchte. Und es mir ohne diesen Kontakt viel besser geht. Auch körperlich habe ich das total gemerkt. Am meisten damit, dass ich diese extreme Müdigkeit nicht mehr habe. Klar bin ich im Verlauf des Tages noch manchmal müde. Aber es hat eine ganz andere Qualität. Es ist nicht mehr so, dass ich überhaupt nicht mehr länger sitzen kann, weil ich dann einschlafe. Und es ist nicht mehr so, dass mich diese extreme Müdigkeit im Alltag belastet.

Und mit all diesen positiven Dingen im Kopf kann ich nur sagen, dass es die richtige Entscheidung war. Es war wirklich ein schwerer Weg, aber es hat sich gelohnt ihn zu gehen! Und ich werde ihn nicht wieder zurück gehen!

Kein Weg zurück

Guten Morgen,

ich war letzte Woche wirklich froh, dass zur Einschulung nichts von meiner Herkunftsfamilie gekommen ist. Ich dachte, dass es sich jetzt erledigt hat. An genau dem Tag ist dann aber doch noch eine Karte mit Geld darin gekommen. Wir haben hin und her überlegt was wir damit machen. Am Ende haben wir sie zurück geschickt. Ansonsten bleibt ja unklar was wir damit gemacht haben. Ob wir es in die Ecke gestellt haben, oder den Kindern etwas gekauft haben. Und irgendwie wäre es ja auch ein schweigendes Einverständnis gewesen, den Kindern Geschenke zu machen. Und ich hätte Angst, dass das irgendwie als Annäherung verstanden wird. Und dann wäre ja auch bald schon wieder der nächste Geburtstag. Und auch Weihnachten ist nicht mehr ewig hin. Dann hört das Ganze ja nie auf. Auf jeden Fall haben wir die Karten dann zurück geschickt. Seitdem habe ich zum Glück nichts mehr gehört. Am Dienstag habe ich in der Therapie noch mal darüber gesprochen, dass mir selbst eine Karte von meiner Herkunftsfamilie Angst macht. Wir haben dann noch mal genauer überlegt wovor genau ich Angst habe und dabei ist mir klar geworden, dass ich am meisten Angst habe diese Gesprächssituation wie im letzten September erneut zu erleben. Der Psychologe hat mir dann versucht deutlich zu machen, dass das auf gar keinen Fall passieren wird. Es ist ja physikalisch nicht möglich, dass ich zurück gebiemt werde. Und plötzlich wieder bei meinen Eltern im Wohnzimmer in der gleichen Runde wie vor einem Jahr sitze. Und außerdem soll ich mir deutlich machen, dass in diesem einen Jahr viel passiert ist. Es wird nicht passieren, dass die Beziehungen plötzlich wieder so sind wie vor dem Gespräch, weil viel zu viel passiert ist. Mein Mann und meine Eltern werden nicht plötzlich wieder nett zusammen sitzen und Kaffee trinken. Dieser Gedanke gibt mir total viel Sicherheit. Dass der Weg zurück geschlossen ist. Egal, ob eine Postkarte kommt oder nicht. Und nichts und niemand kann mich zwingen zurück zu gehen.

Vielleicht wird es leichter

Guten Morgen ihr Lieben,

es ist eigentlich gar nichts besonderes passiert, aber trotzdem gibt es eine ganze Menge zu schreiben. Ich fange glaube ich einfach mal am besten bei der Arbeit an. Eine Bekannte hatte mich schon öfter gefragt, ob ich mir nicht mal den Pflegedienst angucken möchte, in dem sie arbeitet. Bis jetzt habe ich das immer abgelehnt. Zum einen wollte ich nicht schon wieder den Arbeitgeber wechseln und zum Anderen konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass es dort so viel anders ist. Am letzten Wochenende habe ich dann aber mal wieder erst am Freitag um 17.30 erfahren, wie ich am Samstag arbeiten muss. Und da dachte ich, dass ich mir ja wenigstens mal anhören kann, wie die das alles so machen und organisieren. Ich hatte dann auch direkt am Dienstag ein Gespräch mit der Chefin. Sie war mir sehr sympathisch und das Angebot ist auch super. Ich bin nur wirklich skeptisch, ob das am Ende so stimmt. Ich glaube sie brauchen wirklich Leute. Dann habe ich schon oft erlebt, dass eine Menge versprochen wird, was gar nicht zu halten ist. Ich habe erstmal einen Termin zum hospitieren gemacht. Ich hoffe, dass ich dann ein bisschen was mitbekomme, wie die Organisation ist.

Die Sozialarbeiterin in der Ambulanz ist immer noch nicht wieder da. Und im Bereich Arbeit habe ich im Moment glaube ich auch nicht wirklich viel zu verlieren.

Am meisten Angst macht mir gerade die Einschulung am Wochenende. Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass meine Herkunftsfamilie einfach vorbeikommt. Aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Mitbekommen haben werden sie ja bestimmt, dass am Wochenende Einschulung ist. Das ist ja in ganz Niedersachsen so. Ich wäre so gerne souverän und würde mich einfach vor ihnen hinstellen und sagen, dass ich sie nie wieder sehen möchte und sie jetzt sofort gehen sollen. Aber wenn ich mir die Situation vorstelle, dass sie einfach da stehen, bekomme ich einfach nur Panik. Noch mal könnte ich diese Situation, wie in dem Gespräch letztes Jahr nicht aushalten. Aber was mir Hoffnung macht ist, dass die Einschulung die letzte große Veranstaltung ist, bevor das erste Jahr Kontaktabbruch vorbei ist. Alle anderen Feiertage haben wir schon mal ohne sie gefeiert. Und sonst steht auch eigentlich nichts großes an. Und ich hoffe wirklich, dass stimmt was mein Psychiater gesagt hat und das erste Jahr das schwerste ist und es danach spürbar leichter wird.

Ganz normal oder auch nicht

Guten Morgen,

der Wäscheberg aus dem Urlaub ist so langsam abgearbeitet. Und nach einem Tag bei der Arbeit war ich wieder voll im Alltag. Obwohl das schöne Wetter gerade bei mir immer ein bisschen Urlaubsfeeling auslöst.

Von der Krankenkasse habe ich 15 weitere Therapiesitzungen bewilligt bekommen. Ich bin erst am Dienstag wieder beim Psychologen und kann dann erst fragen, wie viele beantragt waren. Ich habe das gar nicht gefragt, bin aber irgendwie von mehr ausgegangen. Ich habe das Gefühl, dass ich zwar gerade auf einem guten Weg bin, aber doch noch eine ganze Menge zu tun habe. Und irgendwann ist ja die Therapie auch ganz vorbei. Ich glaube ich habe schon eine Menge gelernt, aber ich habe Angst, dass ich dann wieder den komplett falschen Weg einschlage. Ich weiß auch gar nicht, ob wie oft man eine Verlängerung beantragen kann. Das muss ich am Dienstag alles unbedingt mal besprechen.

Auf meinen Brief den ich auf Grund der Geburtstagseinladung geschrieben habe, habe ich noch keine Antwort bekommen. Eigentlich bin ich auch wirklich froh darüber. Ich hatte wirklich Angst, dass irgend etwas gekommen ist, als wir aus dem Urlaub zurück gekommen sind. Irgendwie hat es ja doch immer mit meiner Herkunftsfamilie zu tun. Und alles was mit diesem Thema zu tun hat macht mir immer noch riesige Angst. Zur Zeit finde ich die Situation wie sie jetzt ist am besten. Ich habe es erklärt und höre einfach nichts mehr aus dieser Richtung. Von mir aus kann das so bleiben. Das ist auch noch ein Grund, warum ich Angst habe, keine Therapie mehr zu haben. Wenn sich dann jemand meldet. Ich bin mir in meiner Entscheidung total sicher keinen Kontakt mehr zu haben. Aber es löst immer noch Angst und Schuldgefühle aus.

Außerdem habe ich das Gefühl mich und meine Bedürfnisse gerade erst kennen zu lernen. Früher habe ich immer nur geguckt, was andere machen und dann habe ich versucht das nachzumachen. Ich hatte das Gefühl nicht „normal“ zu sein. Und ich wollte möglichst gegenüber meiner Herkunftsfamilie nicht verletzbar sein. Und alles was anders ist bietet ja immer Angriffspunkte. Rückblickend konnte ich irgendwann gar nichts mehr sagen, was ich selbst mag oder brauche. Ich wusste nicht, was ich gerne esse, was mich interessiert oder ich gerne mache. Ich habe alles was mich betrifft unterdrückt und einfach nur funktioniert ohne aufzufallen. Ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr „normal“ sein muss. In meinem jetzigen Umfeld beurteilt das auch niemand. Und es ist ja auch total egal. Bei niemandem Anderen würde ich auf die Idee kommen in dieser Kategorie zu denken. Und was ist schon normal. Ich finde es total sympathisch, wenn Menschen Dinge anders machen oder sehen als der Mainstream. So lange es keinem Anderen schadet natürlich. Aber in Bezug auf mich muss ich da noch eine ganze Menge nachholen.