Der Weg ist, wo die Angst ist

Im letzten Eintrag habe ich schon geschrieben, dass ich Anfang letzten Jahres eine depressive Episode hatte. Rückblickend würde ich sagen, dass es schon im November 2018 angefangen hat. Ich hatte eine neue Stelle angefangen und gehofft, dass sich dadurch ganz viel für mich positiv verändern wird. Um so größer war dann die Enttäuschung, als ich gemerkt habe, dass es überhaupt nicht besser dort ist. Zu diesem Zeitpunkt war ich total verzweifelt. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dort längerfristig zu arbeiten. Ich hatte aber für einen erneuten Wechsel überhaupt keine Energie mehr. Und ich hatte ja auch keine Garantie, dass es bei einem neuen Arbeitgeber besser sein wird. Gefühlt habe ich ja schon überall gearbeitet.

Ich habe viel mit meinem Mann und auch mit meinem ambulanten Psychotherapeuten gesprochen und die Beiden haben mich davon überzeugt in die Tagesklinik zu gehen. Ich konnte mir das am Anfang überhaupt nicht vorstellen. Ich fühlte mich in dieser Zeit so gestresst, dass mein erster Gedanke war: „das geht nicht, dafür habe ich keine Zeit“. Und danach hatte ich eine riesige Angst davor mich meinem Umfeld gegenüber zu öffnen. Ich habe gedacht, dass alle Anderen genauso reagieren, wie meine Herkunftsfamilie und mich niemand mehr erst nehmen wird. Aber es war überhaupt nicht so. Ich habe gar nichts Negatives gehört, sondern nur Unterstützung bekommen. Und ich habe in meinem Umfeld auch nicht das Gefühl weniger erst genommen zu werden. Ich glaube für die Zukunft war das eine sehr wichtige Erfahrung. Ich konnte mir auch überhaupt nicht vorstellen, nicht mehr zu arbeiten. Ich habe so unter der Arbeit gelitten, konnte mich aber einfach nicht krankmelden. Selbst als ich die Einweisung schon hatte, bin ich nachmittags noch eine Tour gefahren. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen meinen Kollegen gegenüber. In meinem Kopf habe ich immer nur gehört: „reiß dich zusammen!!!“

Heute bin ich froh, dass ich mich überwunden habe. Es war wirklich schwer und ich hatte so viele Ängste, aber weiter zu machen, wäre einfach falsch gewesen und hätte mich langfristig überhaupt nicht weitergebracht. In der Zeit der Tagesklinik hat mich der Satz: Der Weg ist, wo die Angst ist, irgendwie verfolgt. Am Anfang habe ich den Satz gehasst. Ich weiß, dass er für mich stimmt. Aber ich wollte einfach keine Angst mehr haben und glaubte dafür keine Energie mehr zu haben. Im letzten Jahr habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es sich erstmal richtig schlimm anfühlt und ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass sich das jemals wieder ändern wird. Aber es ändert sich immer wieder. Bei mir meist so nach zwei bis drei Tagen. Und wenn ich nichts ändere habe ich ja auch viele schlechte Tage, aber ich lerne nichts daraus und kann mich nicht weiterentwickeln. Ich bin mir sicher, dass der Weg, den ich bisher gegangen bin, der falsche war. Ich weiß nicht, welches der richtige ist, aber auf dem alten Weg, werde ich den richtigen ja nicht finden.

Die acht Wochen, die ich insgesamt in der Tagesklinik war, haben mir sehr geholfen. Besonders die Erfahrungen in der Gruppe. Ich habe viele nette Leute kennen gelernt, die ähnliche Probleme haben wie ich. Ich habe gemerkt, dass ich nicht der einzige bin und ich konnte anfangen zu üben, offen über negative Gefühle zu sprechen. Ich habe gemerkt, wie einsam ich mich dadurch gefühlt habe, dass ich mich nicht zeige, weil ich Angst vor Ablehnung habe. Dort hatte ich einen geschützten Raum und konnte viele positive Erfahrungen sammeln.

Die Therapiegespräche waren wirklich anstrengend. Nach dem Aufnahmegespräch konnte ich mir  nicht vorstellen mich dem Psychiater gegenüber öffnen zu können. Die Gespräche waren auch wirklich wesentlich härter, als in der ambulanten Therapie, aber wir haben eine Menge aufgedeckt, was ich im Anschluss in der ambulanten Therapie weiter bearbeiten konnte. Auch wenn es immer wieder schwer ist, macht es für mich Sinn, mal mit einem anderen Therapeuten zu sprechen. Da jemand anderes die Dinge noch mal von einer anderen Seite sieht und angeht.

Rückblickend würde ich wieder in die Tagesklinik gehen. Es hat mir sehr geholfen Mut für einen Neustart zu bekommen und ganz viele positive Erfahrungen zu sammeln.

Regenbogen 2.0.

Ich bin wieder da!

Es ist schon fast ein Jahr her, dass ich das letzte Mal etwas geschrieben habe. Im letzten Jahr ist viel passiert und es gibt mehrere Gründe, warum ich nicht geschrieben habe und viele Gründe, warum ich es jetzt unbedingt wieder machen möchte.

Anfang des Jahres hatte ich eine depressive Episode. Und meine Gedanken waren zu düster um sie zu teilen und ins Internet zu stellen. Später war ich ziemlich mit der Therapie beschäftigt und irgendwie auch zu durcheinander, um das was mich bewegt geordnet auf Papier zu bringen. Und über Belangloses wollte ich auch nicht schreiben. Damit verschwende ich meine Zeit und die Zeit von jedem, der es anschließend liest. Und dann war ich irgendwie raus und wusste nicht wie ich wieder einsteigen soll.

In letzter Zeit hatte ich aber immer öfter den Gedanken wieder zu schreiben. Besonders, weil ich in diesem Jahr so viel positives erlebt habe und von so vielen guten Hilfsangeboten erfahren habe, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Von diesen Dingen möchte ich unbedingt erzählen. Ich könnte mir vorstellen, dass es viele Betroffene gibt, die diese Angebote noch nicht kennen. Ich bin schon so lange in Behandlung und hatte von den meisten Möglichkeiten noch nichts gehört. Und an dieser Stelle möchte ich zumindest einen kleinen Beitrag leisten.

Heute Morgen habe ich gedacht, dass es eigentlich gerade ziemlich blöd ist, weil ich nichts Neues anfangen kann. Ich warte auf einen Therapie- oder Rehaplatz und weiß nicht, wann es losgeht. Und da habe ich mir vorgenommen wieder zu schreiben. Das kann ich immer machen. Ich glaube, wenn ich erstmal wieder dabei bin, wird es auch gar nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen. Viele Ideen, worüber ich schreiben möchte habe ich. Ich möchte als erstes erzählen, wie das letzte Jahr verlaufen ist. Dann möchte ich euch von allem an Therapie erzählen, was ich gemacht habe, noch vorhabe und von dem ich gehört habe. Von allen Anträgen, die ich geschrieben habe. Und auch von allem anderen, was mir geholfen hat.

Das Wichtigste, was ich in diesem Jahr gelernt habe ist, dass es Hilfe gibt. Ich kenne vielleicht das richtige Angebot noch nicht und es geht wahrscheinlich auch nicht schnell, aber es gibt viele Angebote. Und das ist es auch eigentlich, was ich unbedingt an Andere weitergeben möchte. Wenn eine Person am Telefon euch nicht weiterhelfen kann. Dann heißt das nicht, dass niemand das kann. Es lohnt sich einfach immer weiter dran zu bleiben. Früher dachte ich, dass ich so etwas nicht kann, da ich mich nicht durchsetzen kann. Aber bis jetzt ging es auch immer so. Ich habe immer freundlich weiter gefragt. Und wenn mir jemand nicht weiterhelfen konnte, habe ich überlegt, ob es vielleicht noch jemand Anderen gibt, den ich fragen kann. So bin ich zumindest immer ein Stückchen weitergekommen. Es dauert, aber es geht weiter. Und meiner Meinung nach ist das das Wichtigste. Ich habe depressive Episoden seitdem ich dreizehn bin. Das sind jetzt schon fast 23 Jahre. Ich finde da kommt es nicht mehr auf einen Monat an.

Es war für mich der falsche Weg mich zusammen zu reißen und möglichst schnell weiter zu gehen. Das möchte ich in Zukunft anders machen. Davon möchte ich erzählen und ich wünsche mir, dass ich damit auch Andere motivieren kann sich auf die Suche nach dem für sie richtigen Weg zu machen.