Hauptsache es geht schnell

Mir kommt es oft so vor, als wäre es aus Sicht der Gesellschaft so, dass eine kurze depressive Episode schon okay ist. Aber dann muss man eine Therapie machen und dann muss es aber auch wieder gut sein. Und es muss dann auch schnell gehen. Als könnte der Psychiater oder Psychologe zaubern. Als müsste man da nur hingehen und schon geht es einem viel besser.

Früher habe ich das auch gedacht bzw. gehofft. Und umso schlechter habe ich mich gefühlt, als es dann nicht so war. An die ersten Termine mit 13 kann ich mich kaum noch erinnern. Aber ich glaube geholfen hat es mir nicht viel. Ich habe mich danach immer nur ganz schlecht gefühlt. Ich dachte, wenn selbst die mir nicht helfen können ist es meine Schuld und ich bin einfach nicht richtig so wie ich bin. Ich habe versucht das zu verstecken. Ich wollte normal sein und habe versucht alles so zu machen, wie „normale“ Jugendliche das halt so machen.

Beim zweiten Mal mit 18 haben mir die Gespräche mit der Psychiaterin sehr geholfen. Ich habe einige Gründe für meine Gefühle herausgefunden. Außerdem habe ich an einigen Dingen gearbeitet und nach einiger Zeit ging es mir auch besser. Dann hatte ich leider mal wieder ein Erlebnis von dem ich euch später in einem extra Text erzählen werde, durch das ich wieder dachte, dasselbe es jetzt wirklich gut sein muss und es an der Zeit für mich ist endlich „normal“ zu sein.. Deshalb habe ich nicht weitergemacht, sondern versucht die Krankheit einfach zu unterdrücken.

Als ich länger mit meinem jetzigen Mann zusammen war und mich ihm anvertraut habe ist mir klargeworden, dass ich versuchen möchte an meinem Problem zu arbeiten. Daraufhin bin ich bei meinem jetzigen Psychiater gelandet. Obwohl ich kurz vorher noch ein unglaubliches Erlebnis mit einer Therapeutin hatte. Davon erzähle ich euch aber in einem extra Text. Sonst wird dieser hier viel zu lang. Auf jeden Fall bin ich dort jetzt schon seit 9 Jahren in Behandlung. In guten Zeiten komme ich nur alle 3 Monaten in schlechten ungefähr alle zwei Wochen und im Moment glaube ich auch, dass das so bleiben wird. Zumindest glaube ich, dass ich immer mal wieder Unterstützung brauchen werde.
In meiner Umgebung kommt es mir oft so vor, als würden viele Menschen glauben, dass alles nur eine Frage der eigenen Organisation und Selbstdisziplin ist. Ich habe das auch immer wieder versucht, aber es hat nicht funktioniert. Ich muss akzeptieren, dass ich weiterhin Hilfe brauche und mich immer wieder neu motivieren muss gegen negative Gefühle anzukämpfen und nicht wieder in alte Verhaltensweisen zurück zu fallen.

Was habe ich denn eigentlich?

So genau kann ich euch gar nicht sagen, was ich eigentlich habe. Zumindest keine ganz klare Diagnose.

Mit 13 war immer die Rede von einer depressiven Episode, was ja in der Pubertät nicht so selten vorkommt und sich dann wahrscheinlich auch wieder verwächst. Als ich dann mit 18 das zweite Mal in Behandlung war ging es eigentlich auch immer nur um Depressionen. Erst als ich mit 24 Jahren erneut beim Psychiater war meinte er, dass es sich eher um eine Angststörung, als um eine klassische Depression handelt. Er meinte, dass die depressiven Symptome durch die Überforderung auf Grund der ständigen Angst auftreten. Als ich länger bei ihm in Behandlung war und es mir zwischenzeitlich auch wesentlich schlechter ging, meinte er, dass ich wahrscheinlich an einer ängstlich-, unsicheren Persönlichkeitsstörung leide.

Der Begriff Persönlichkeitsstörung hat mir wirklich Angst gemacht. Ich finde die Vorstellung total furchtbar, dass meine gesamte Persönlichkeit gestört ist. Bei anderen Erkrankungen betrifft die Störung ja nur bestimmte Bereiche des Körpers, aber die Persönlichkeit betrifft mich ja wirklich insgesamt als Menschen. Mir fällt es wirklich schwer das anzunehmen, obwohl ich in mir drin weiß, dass es stimmt.

Später kam dann auch noch der Begriff emotionale Instabilität dazu. Eigentlich weiß ich, dass es stimmt, aber es fällt mir sehr schwer mich damit abzufinden. Wonach soll ich mich denn richten, wenn ich mir nicht sicher sein kann, dass ich meinen Emotionen trauen kann. Außerdem wurde mir klar, dass es nicht plötzlich besser werden wird. Sondern eine Persönlichkeitsstörung bleiben wird. In schlechten Phasen wusste ich einfach nicht, wie ich die Kraft haben soll immer weiter dagegen anzukämpfen. Aber ich habe auch immer wieder erfahren, dass es sich lohnt zu kämpfen. Ich schöne Momente mit meiner Familie erleben, für meine Kinder da sein und sie begleite möchte.

Die Erkrankung zu akzeptieren fällt mir aber immer noch sehr schwer. Ich habe schon oft versucht einfach zu beschließen, dass es jetzt einfach mal gut sein muss und ich mich jetzt zusammen zu reißen werde. Ich habe dann einfach versucht nur noch zu arbeiten und wie eine Maschine zu funktionieren. Für ganz kurze Zeit ging das auch, aber dann überwog immer die Erschöpfung und es folgte der nächste Tiefpunkt.

Jetzt bin ich an dem Punkt, an dem ich denke, dass ich früher oder später die Erkrankung einfach akzeptieren muss. Ich muss andere Strategien finden damit umzugehen, als immer wieder bis zur totalen Erschöpfung zu arbeiten.

 

Ich wünsche mir, dass sich etwas verändert

Ich möchte schon ganz lange etwas zu dem Thema psychische Erkrankungen schreiben. Jetzt werde ich endlich mal damit anfangen. Immer wieder merke ich, dass dies noch immer ein Tabu-Thema ist und ich wünsche mir, dass dies sich ändert. Aus diesem Grund möchte ich einfach anfangen darüber zu sprechen.

Ich war mit 13 das erste Mal in psychiatrischer Behandlung. Jetzt bin ich 33. ich hatte immer wieder gute und schlechte Phasen und das wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch so bleiben. In letzter Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, dass ich es eigentlich total blöd finde, dass ich kaum jemanden davon erzähle. Eigentlich wissen nur mein Mann und zwei sehr gute Freundinnen davon. Ich denke, dass man ja über jede andere chronische Erkrankung auch offen sprechen kann. Als ich 19 war, bin ich sehr offen mit der Situation umgegangen. Leider habe ich beruflich und privat aber sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Seitdem habe ich nicht mehr darüber gesprochen. Außerdem habe ich immer wieder erlebt, wie andere über das Thema und abschätzig über Betroffene Menschen sprechen, ohne zu wissen, dass ich auch betroffen bin. Das ärgert mich immer und ich glaube dass ein offener Umgang mit dem Thema vieles erleichtern würde. Andererseits habe ich auch Angst davor. Ich befürchte nicht mehr ernst genommen zu werden. Ich bin zwar psychisch krank aber ich möchte trotzdem ein erfülltes Leben führen. Ich bin sehr gerne Mutter und habe einen Beruf, der mir Spaß macht. Ich weiß, dass es immer wieder Rückschläge geben wird, aber trotzdem möchte ich ein erfülltes Leben leben. Und ich glaube, dass es viele andere gibt, denen es genauso geht!

Ich wünsche mir, dass sich in Zukunft etwas an der Einstellung der Gesellschaft gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen ändert. Ich hoffe, dass jeder Betroffene dann offener mit seiner Erkrankung umgehen kann. Genau so, wie es zur Zeit z.B. ein Diabetiker tun kann.

Ich möchte mit dieser Seite zumindest einen kleinen Beitrag dazu leisten! Also schreibt mir bitte, was ihr über dieses Thema denkt und welche Erfahrungen ihr gemacht habt. Ich werde alle eure Fragen möglichst ehrlich beantworten.